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Sommer 2/2020

Von Judith zu Julian – ein „Man for a Day“-Workshop-Erlebnis

Ein Samstag im September in Berlin, Theater Haus Mitte. Theaterleute und Musiker_innen gehen ein und aus. Neben der Tür mahnt ein Aushang: „Wir bitten darum, bei lautem Singen die Fenster zu schließen. Die Anwohner“. Singen, das kommt für uns, die sechs Teilnehmerinnen des Man for a Day-Workshops der Performance-Künstlerin Diane Torr, ohnehin nicht infrage. Wir sind hier, um zu erfahren, was es bedeutet, „ein Mann“ zu sein. Und singen ist nicht unbedingt das Erste, woran wir dabei denken.

Zwei Tage als Drag Kings – Frauen dresses as guys. Ziel ist hier nicht, eine Essenz von Männlichkeit (oder Weiblichkeit) zu finden, sondern das Verhaltensrepertoire, das einem Mann in unserer Gesellschaft zugestanden bzw. das von ihm erwartet und verinnerlicht wird. Dabei geht es stets auch um eine Gratwanderung, einen Spagat zwischen Klischee und Individualität. Einerseits scheint der Rückgriff auf Stereotype notwendig, um „typisch männliche“ Verhaltensweisen zu imitieren, andererseits ist es nicht das Ziel, einen hölzernen Prototypen von Mann darzustellen, der bestehende Rollenbilder ver-festigt. Die damit verbundene Diskussion, ob durch Drag binäre Geschlechterkategorien verstärkt oder durchbrochen werden, wird hier nicht thematisiert, das Seminar ist in seiner Kürze rein praktisch orientiert.

Und so geht es auch direkt los: 1. Brust abbinden. Ein einfacher Verband aus der Apotheke zaubert einen flachen, festen Oberkörper. 2. Penisattrappe einsetzen. Unerlässlich für den obligatorischen professionellen Griff in den Schritt. 3. Garderobe wechseln. Die Kleidernormen unserer Gesellschaft – so liberal sie auch scheinen mögen, machen es leicht, allein durch die Wahl von Hose und Oberteil den entscheidenden Wink dahingehend zu geben, in welche Geschlechterschublade mein Gegenüber mich, ohne mit zu vielen Interpretationsmöglichkeiten überfordert zu sein, ablegen kann. Und schließlich darf er nicht fehlen: Schritt 4, der das „klassische“ Erkennungsmerkmal eines „echten“ Mannes herstellt: den Bart. Und zwar kein aufgemalter, auch keiner dieser Karnevalsbärte aus Plastik mit Klebestreifen auf der Rückseite. Nein, ein Bart aus Echthaarstoppeln, passend zur eigenen Haarfarbe zusammengemischt und mit speziellem Kleber professionell befestigt. Das Ergebnis ist überraschend faszinierend und identitätsstiftend.

Zwei Stunden sind vergangen, und aus Miriam wird Stevie, Anne nennt sich Sven, Judith ist jetzt Julian.

Doch mit Outfitwechsel und Umbenennung ist es nicht getan. Beobachten, imitieren und performen sind die nächsten Schritte. Wie bewegt sich ein Mann? Wie geht er, wie setzt er sich? Einige Trockenübungen – Rollenspiele, Bewegungs- und Stimmübungen – sollen auf die „Wirklichkeit“ vorbereiten. So sehr wir uns auch ins Zeug legen als echte Kerle, an eine reichen wir nicht heran. Es sind die Kleinigkeiten, die aus Diane Torr ihr männliches Alter Ego Larry Miller machen. Die Art, wie sie/er sich beim Reden über die Oberschenkel streicht, den Oberkörper nach vorne beugt, den Blick in alle Augen richtet oder Pausen beim Reden macht, in denen ihr/sein Gesagtes nachwirkt, wie trivial es auch gewesen sein mag. Ich bin mir sicher: Würde sie als Diane so agieren, erschiene es sonderbar. Als Larry Miller wirkt es entschlossen, souverän, selbstbewusst.

Dann geht’s raus auf die Straße. Keine irritierten Blicke. Es scheint geklappt zu haben mit dem Genderswitch. Ich nehme mir den Platz, den ich brauche. Zögern, stehen bleiben, suchend umblicken? Nicht Julian. Dafür lerne ich, charmant und galant zu sein. Alles Klischees, die bei mir als Selfulfilling Prophecy wirken? Vielleicht, aber macht das einen Unterschied? Wenn ich diese Rollenvorstellungen im Kopf habe und mich dementsprechend verhalte, kann es nicht auch sein, dass sie auch bei anderen, „echten Männern“ genauso wirken? Wichtig ist für mich, dass ich durch das Drag tatsächlich eine Änderung in meinem mir selbst zugestandenen Verhalten bemerke, zunächst einmal ganz gleich, warum.

Am Ende machen nicht neue theoretische Erkenntnisse das Wochenende so wertvoll, sondern das konkrete Erleben aus einer anderen Perspektive außerhalb meiner sonstigen Erfahrungswelt als „Frau“. Was frau daraus macht, ob sie Einzelnes in ihr Verhaltensrepertoire als „Frau“ übernimmt, demnächst (auch) als „Mann“ unterwegs sein wird oder versuchen will, die Grenzen zwischen diesen Kategorien zu sprengen, ist natürlich allen selbst überlassen und wird von den Teilnehmerinnen unterschiedlich beantwortet.

Meinen Bart habe ich zum Abschluss des Workshops, so wie alle anderen, wieder abgenommen. Die Stoppeln aber habe ich aufgehoben. Frau weiß ja nie, wann mann die nochmal gebrauchen kann …

Judith Conrads