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Winter 4/2019

Mexikanische Frauenzeitschriften zur Jahrhundertwende

Die Romanistin Yasmin Temelli hat für ihre Dissertation am Romanistischen Seminar der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ein vielschichtiges Thema gewählt: die Entwicklung von Emanzipation und Feminismus zu Zeiten der Industrialisierung, Pressefreiheit in einer Diktatur, publizistische Herausforderungen an der Schwelle zum 20. Jahrhundert.

Als erste Wissenschaftlerin hat sie in Archiven und Bibliothe-ken in Mexiko City, im Süden der USA und im Iberoamerikanischen Institut in Berlin systematisch literarische Zeitschriften untersucht, die speziell für eine weibliche Leserschaft verfasst wurden. Dabei hat sie sich auf das Porfiriat konzentriert, das als Vorabend der mexikanischen Revolution in die Geschichte eingegangen ist. Dieser Begriff bezeichnet die Epoche unter General Porfirio Díaz in Mexiko von 1876 bis 1910 und steht für eine über 30-jährige Diktatur. Unter seinem Regime wurde Mexiko wirtschaftlich vorangetrieben, liberale und demokratische Prinzipien aber schrittweise abgeschafft.

Da das Thema von der Forschung bislang weitgehend unbeachtet blieb, betritt Yasmin Temelli mit ihrer Analyse der Zeitschriften El Correo de las Señoras (1883–93), El Álbum de la Mujer (1883–90), Violetas del Anáhuac (1887–89), El Periódico de las Señoras (1896), Vésper (1901–10/32) und La Mujer Mexicana (1904–08) Neuland.

Die sechs Periodika sind im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Mexiko-Stadt von Frauen gegründet und gestaltet worden, Violetas del Anáhuac und La Mujer Mexicana entschieden sich ausdrücklich gegen jegliche Mitarbeit von männlicher Seite. Die Autorinnen definierten in der patriarchalisch strukturierten Entwicklungsdiktatur des Generals Porfirio Díaz ihr Verständnis von weiblichem Fortschritt. Mittels didaktischer Erzählungen, Abhandlungen zu Fragen der Bildung und Erziehung, Gedichten über den ángel del hogar (ein explizit weiblicher Hausengel) und die mexicana emancipada sowie Biografien schrieben sie kulturhistorisch relevante Geschichte. Das Spektrum reicht von tradierten Frauenthemen (Mode- und Schönheitstipps, Society News) über emanzipatorische Ansätze bis hin zu revolutionären Ideen.

Temelli analysiert den oftmals polarisierenden Themenkomplex von Emanzipation und Feminismus und schließt Forschungslücken in der Mexikanistik. Die Studie gibt Antworten auf die Fragen, wie Frauen sich mit der Macht des gedruckten Wortes positionieren und welche Antworten ihre Texte auf geschlechtsspezifische Hierarchisierungen, zeitgenössische Rollenzuweisungen, tradierte kulturelle Entwürfe von Weiblichkeit, politische Strukturen und kirchliche Dogmen geben. So stehen nicht alle Erzählungen, Artikel, Kommentare und Gedichte im Zeichen der Anpassung an herrschende Ordnungen. Denn während General Porfirio Díaz die Geschicke des Landes von 1876 bis zum Ausbruch der Revolution 1911 lenkte, waren erhebliche Modernisierungsdurchbrüche zu verzeichnen – allerdings lagen diese in erster Linie auf technologischem und wirtschaftlichem Gebiet. In anderen Bereichen erschien der Status quo kaum einer Verbesserung bedürftig: So erwies sich die patriarchalische Ordnung bereits seit vorspanischen Zeiten als funktionstüchtiges Strukturprinzip für das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Die Mexikanerinnen sollten sich selbstlos und aufopferungsvoll der männlichen Vorherrschaft fügen und dabei nicht den heimischen Wirkungskreis verlassen. Gleichzeitig erforderte die wirtschaftliche Entwicklung in zunehmendem Maße auch die außerhäuslich tätige weibliche Arbeitskraft. Das Ideal einer strikten Trennung in einen männlich-öffentlichen und einen weiblich-privaten Bereich wurde somit in der porfiristischen Wirklichkeit konterkariert. Zudem folgte aus der sich in liberalen Kreisen zunehmend durchsetzenden Erkenntnis eines entscheidenden Einflusses der Mütter auf die Zukunft der Nation die Einsicht in die Notwendigkeit umfassender weiblicher (Aus-)Bildung jenseits von Heim und Herd. Als staatlich anerkannte Erzieherinnen konnten die Frauen nicht zuletzt den Lehrberuf ergreifen.

Aus dieser Gruppe kommen auch die Autorinnen der untersuchten Zeitschriften. Zahlreiche ihrer Beiträge zeugen von einer umfassenden Allgemeinbildung und ausgeprägten Analysefähigkeit. Das Bildungsniveau erscheint nicht zuletzt im Hinblick auf die hohe Analphabetismusrate zu Zeiten Porfirio Díaz’ außergewöhnlich: Noch 1890 waren in der Hauptstadt gerade rund 32 Prozent aller Frauen des Lesens und Schreibens mächtig. Die Autorinnen gehörten somit zu einer privilegierten Minderheit. Aus den Biografie-Fragmenten lassen sich zwei Konstanten ablesen: Alle widmeten sich der Dichtkunst und die Mehrheit von ihnen hatte den Lehrberuf ergriffen. Aber auch die ersten Ärztinnen und die erste Anwältin Mexikos wirkten bei den Frauenzeitschriften mit.

Das Verhältnis zwischen den Redaktionen der Frauenzeitschriften war offensichtlich nicht durchweg ungetrübt, doch gegenseitige Redaktionsbesuche kamen vor und zahlreiche Beiträge wurden im gegenseitigen Einvernehmen nachgedruckt. Mit Ausnahme von Vésper sind die Periodika zudem durch ihre Mitwirkenden teilweise untereinander vernetzt. So zählten beispielsweise zu der Redaktion der Mujer Mexicana einige ehemalige Violetas. Bevor die Herausgeberinnen der Violetas del Anáhuac bzw. Album de la Mujer eigene Zeitschriften hatten, publizierten sie in den bereits bestehenden.

Für die Mehrheit der mexikanischen Bevölkerung war der Erwerb einer Zeitschrift übrigens schlichtweg unmöglich. Auch die vermögende Minderheit entschied sich häufig gegen ein Abonnement, somit ist die Leser_innenschaft in der Mittelschicht zu suchen. Das Regime gewährte Subventionen, die von der Mehrheit der Frauenzeitschriften nicht beantragt wurden, hier mag der Wunsch nach Unabhängigkeit möglicherweise der Grund gewesen sein.

Die Kulturwissenschaftlerin Temelli bietet durch die intensive Berücksichtigung politischer, sozio-kultureller und publizistischer Faktoren vielfältige Zugänge zu den vorrevolutionären Frauenpublikationen, deren Bedeutung weit über die Zeit ihrer Entstehung hinausreicht. Yasmin Temelli studierte Romanistik, Politologie und Medienwissenschaft in Düsseldorf und Florenz. Ihre Promotion erhielt ein „summa cum laude“ und die Studie den drupa-Preis 2009 der Messe Düsseldorf.

Gabriele Bischoff