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Winter 4/2019

Mädchenarbeit in Genderzeiten

Eindrücke vom 5. Vernetzungskongress Mädchenarbeit in NRW

Wo steht die Mädchenarbeit in Genderzeiten – und wann ist in der Hektik des Alltags Zeit und Raum, dieser Frage nachzugehen? Der 5. Vernetzungskongress Mädchenarbeit in NRW bot diese Möglichkeit vom 15.-17.10.2008 in Schwerte und die Pädagoginnen nutzten sie!

Die Kraft der Beunruhigung

„Solange ich lebe, haben Mädchen mich beunruhigt. Mich eingeschlossen“ stellte die über siebzigjährige Professorin Frigga Haug zu Beginn ihres Vortrages fest. Beunruhigung ist für sie eine zentrale Qualität der kritischen Forschung, wie auch der Mädchenarbeit, denn sie ist der Motor für persönliche und gesellschaftliche Veränderungen.

Beunruhigt sind auch viele Pädagoginnen in Genderzeiten: Eindeutigkeiten aus den Anfängen der Mädchenarbeit sind komplexen und ambivalenten Zusammenhängen gewichen. Sowohl die Mädchen, als auch die Pädagoginnen sind vielfältiger geworden oder werden – und das ist auch ein Verdienst der Mädchenarbeit – vielfältiger wahrgenommen.

Die Begründungszusammenhänge von Mädchenarbeit haben sich verändert. Die einfache Feststellung „Mädchen sind benachteiligt und Jungen sind nicht benachteiligt“ greift nicht mehr. Was aber dann? Die Aufrechnung der Benachteiligungen von Mädchen und Jungen ist unerfreulich und unproduktiv. Die Benachteiligungserfahrungen von Mädchen hingegen sind sehr real. Es ist weder modern, noch bequem, immer wieder darauf hinzuweisen.

Die Kraft des Gemeinsamen

Ein Merkmal (nicht nur) von Mädchenarbeit in Genderzeiten ist die zunehmende Individualisierung und die Aufgabe, Vielfalt wahrzunehmen und zu leben. Vor diesem Hintergrund gilt es als Fortschritt, dass die Mädchenarbeit weniger von den Mädchen und mehr von besonderen Zielgruppen spricht. Frigga Haug betrachtete das kritisch: „Ich kann mich zum Beispiel immer noch nicht damit einverstanden erklären, wenn – was alle hier glaube ich tun – gesagt wird, wir sprechen jetzt nicht mehr von Frauen oder Mädchen im Plural sondern in Vielfalt. Ja und wie kommen wir dann zum Gemeinsamen, wenn wir von vornherein darauf verzichten, das Gemeinsame zu suchen und zu finden?“ Die Begründerin der Erinnerungsarbeit sprach aus ihren langjährigen Erfahrungen. Ihre Visionen vom „Gemeinsamen“ wirkten nicht wie das „ewig Gestrige“, sondern eher wie eine Erlaubnis, sich dieser Qualität wieder zuzuwenden. Es war eine besondere Begegnung zwischen den Frauen aus der Mädchenarbeit und der eremitierten Professorin, die auch und gerade in Genderzeiten von Feminismus als einem Projekt spricht, dem „jeder Gedanke daran, dass ein feministisches Projekt auch ein sozialistisches für eine andere Gesellschaft sein könnte, abhanden gekommen ist.“

Die Kraft der Differenz

Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin Dr. Antje Schrupp suchte hingegen in ihrem Vortrag nach der Kraft der gelebten Differenz. Sie zeigte sich eher beunruhigt über das Gemeinsame: „Was mich in derzeitigen Diskussionen über einen neuen Feminismus so erschreckt ist, dass immer noch darüber geredet wird, was die Frauen, oder auch die jungen Frauen, angeblich wollen oder nicht.“ Nach Antje Schrupp ist es gerade die Differenz unter Frauen, die weibliche Autorität ermöglicht. „Autorität in der Beziehung zwischen Pädagogin und einem ihr anvertrauten Mädchen kommt deshalb auch gerade nicht dadurch zustande, dass sich die Pädagoginnen oder die Einrichtungen bemühen, das zu tun und zu sagen, was den Mädchen gefällt und Spaß macht. Erziehung ist nicht dasselbe wie der Verkauf eines Produktes, bei dem man sich an definierte Zielgruppen richtet und versucht, ihren Geschmack möglichst gut zu treffen. Sondern hier ist ein „Mehr“ im Spiel, eine Differenz, die unter Umständen auch konfliktreich sein wird. Deshalb führt die Frage nach dem, „was die Mädchen wollen“, leicht in die Irre. Es kommt nämlich mindestens genauso darauf an, was die Pädagogin will, denn auch sie ist eine Frau, die begehrt.“

Die Kraft der Daten

Zwischen philosophischen Höhen und Tiefen, Verwirrungen und Inspirationen zeigte sich die ordnende Kraft der Daten. Die geschlechterdifferenzierte Datenerhebung in der Kinder- und Jugendhilfe ist eine frühe Forderung der Mädchenarbeit. Der Vortrag von Prof. Dr. Marianne Kosmann über die „Lebenslagen von Mädchen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ zeigte, wie wichtig eine solide Datenlage, ihre Auswertung und Interpretation für die Jugendhilfeplanung und die Mädchenarbeit ist. Vom Konzept der Lebenslagen ausgehend, bot ihr Beitrag umfangreiches Material über die Lebenslage Mädchen, die Lebenslage Migration, die Lebenslage Armut, die Lebenslage Behinderung und die Lebenslage bildungsgewohnte Schicht. Eine Teilnehmerin stellte abschließend fest: „Manchmal sind Zahlen einfach wichtig, sie machen nur nicht ganz so viel Spaß.“

Die Kraft des Kongresses

Wann treffen sich schon über 100 Fachfrauen zwischen 20 und 72 Jahren, um über ihre (Mädchen)Arbeit zu sprechen? Die besondere Intensität des Kongresses lag darin, dass sich hier Pädagoginnen, Vertreterinnen verschiedener Mädchenarbeits-Generationen, der Wissenschaft und der Politik begegnet sind. Mädchenarbeit in Genderzeiten, das ist auch die Zumutung der Verwirrung, das Ringen um das Eigene und das Gemeinsame und die Schönheit, die entsteht, wenn Frauen ihre Fragen und Erfahrungen miteinander teilen. Mädchenarbeit kann auf eine Fülle an theoretischen Bezügen, an Kompetenzen und Erfahrungen zurückgreifen. Der Kongress hat dazu angeregt, (feministische) Diskurse zu beleben, sich von ihnen beleben zu lassen und sich (wieder mehr!) politisch einzumischen.

Dokumentation

Die Vorträge und Ergebnisse des Kongresses „Mädchenarbeit in Genderzeiten“ werden im 10. Rundbrief der Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenarbeit in NRW e.V. dokumentiert und können ab Ende März 2009 in der Geschäftsstelle bestellt werden.

Beate Vinke, stellvertretende Geschäftsführerin der Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenarbeit in NRW e.V., Robertstr. 5a, 42107 Wuppertal, fon 0202/7595046, www.maedchenarbeit-nrw.de