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Herbst 3/2020

Lesbenfrühling 2006 in Leipzig

Auszug aus dem persönlich gehaltenen Rückblick von Petra Wittchen (Lesbenring e.V.) auf das seit über dreißig Jahren zu Pfingsten jeweils in einer anderen Stadt, von einem anderen Orgateam basisdemokratische organisierte Lesbenfrühlingstreffen (LFT).

Dieses Jahr ging es – nach Rostock 2001 – zum zweiten Mal in die ehemalige DDR. Und es wird demnächst wieder ein LFT „im Osten“ geben, nämlich 2008 in Dresden! Das LFT 2007 wird (nach 2004) wieder in Mittelhessen stattfinden und für 2009 haben sich Frankfurterinnen bereit erklärt, das LFT nach 20 Jahren wieder in ihre Stadt zu holen.

Zum Auftakt des LFT gab es am Freitagabend unter anderem eine kleine Grillfete im Hinterhof des Frauenhotels Clara.

Nach dem Eröffnungsplenum Samstagfrüh gab es bereits die ersten Workshops und Veranstaltungen von „Lesben und lesbisches Image in der russischen Popkultur“ bis zur „Mitfrauenversammlung des Lesbenfrühling e.V.“ über „Lesben in TV-Serien“, „Lesbisch flirten“, die Vorstellung der „SAPPHO-Stiftung“ und die Lesung „Ulrike Janz: Verwandlungen – Lesben und die Wechseljahre“ (um nur einige zu nennen).

Um 14 Uhr startete die LFT-Demo, die unter dem Motto „Lesben machen Leipzig bunt“ mitten durch die Leipziger Innenstadt führte. Dort sprach neben Elke Heinicke vom Lesbenring Gesa Teichert und Karis Schneider für das Orga-Team davon, dass es noch nicht überall selbstverständlich sei, dass Lesben für ihre Rechte auf die Straße gehen können. Die Solidarität gilt in diesem Jahr vor allem den Lesben und auch den Schwulen in Polen und Russland. Es wurde eine Öffentlichkeit für die Akzeptanz lesbischen Lebens und die öffentliche Förderung von Lesbenprojekten und deren Bestandssicherung gefordert und sie appellierten: „Sorgt dafür, dass das LFT ein gutes Beispiel dafür gibt, wie eine tolerante, bunte Welt aussehen kann: Seid neugierig aufeinander, lasst Euch ein auf das Unbekannte, nehmt Rücksicht und seid bereit zu helfen und mit anzupacken, redet und lacht miteinander, seid BUNT!“

Das Bunte spiegelte sich wider in den Workshops wie „Buddhismus im Lesbenalltag“, „Und plötzlich in Familie“ oder „Pele, die hawai’ische Feuergöttin und ihre Schwestern“, der Kunstausstellung und verschiedensten Podiumsdiskussionen. Das Abendprogramm mit den Kabarettistinen Kordula Völker und Cocolores, den Sängerinnen Lorraine Jordan und Jill Hunter mit irisch-schottischen Pop-Folk und der Neuentdeckung Conny Schediwie aus Leipzig tat sein Übriges für den „Kessel Buntes“. Nicht zu vergessen: Uta Keppler und Gitta Schürck.

Bei der Podiumsdiskussion „Das LFT der Zukunft“ wurde u.a. angeregt, das LFT wieder mehr zu einem „Mitmach-LFT“ zu entwickeln und mehr in die Auseinandersetzung untereinander zu kommen. Die Aussage „das Ehrenamt stärken“ kollidierte mit „Wertschätzung funktioniert häufig über Bezahlung“, beklatscht wurde dagegen „Wir brauchen eine bessere PR – also Werbung – für’s LFT“. Außerdem wurde angeregt, die LFT’s künftig zu dokumentieren, usw. Gleiche Bezahlung für alle Referentinnen wurde angeregt… Es kam heraus, dass das LFT bei Junglesben den Ruf einer recht „angestaubten“ Veranstaltung hat, die von „Esoterik-Lesben“ beherrscht werde, es aber gerade wichtig sei, die jungen Lesben auf das LFT zu bekommen. Zwecks der Zukunft… Der Wunsch wurde geäußert, dass das LFT künftig jeweils ein Schwerpunktthema herausstellt. Auf die Frage „Wo geht die Lesbenkultur hin?“ und den Konflikt zwischen jungen und älteren Lesben wurde festgestellt, dass es bei jungen Lesben gerade wohl hip sei, heterosexueller auszusehen als die Heteras und das eine eher Geld für eine L-Word-DVD ausgibt als zur Unterstützung eines Lesbenprojekts. Über die Frage: soll das LFT größer oder kleiner werden bestand Uneinigkeit. Auf der einen Seite steht das Bedürfnis nach mehr Professionalität, auf der anderen das nach mehr Nähe untereinander, nach größerem Austausch. Einig waren sich aber die meisten darüber, dass das LFT eine einmalige, für viele wichtige Veranstaltung ist, die es zu erhalten gilt. Die Diskussion muss auf den kommenden LFTs weitergeführt werden!

Das LFT hat eine Zukunft, über deren Gestalten es sich lohnt nachzudenken…

Wir danken Petra Wittchen für die Abdruckgenehmigung (gekürzt)
Komplett abgedruckt im Lesbenring-Info Juli 2006, Bestelladresse:
Lesbenring-Info c/o Mädchenhaus, Cloppenburger Str. 35 in 26135 Oldenburg

 

Cristina Fischer