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Winter 4/2019

King Kong Girl

Die französische Autorin und Feministin Virginie Despentes wird dieses Jahr 40 Jahre alt. Ein Grund mehr sich ihrem ebenso umstrittenen, wie anregenden Lebenswerk zu widmen.

Virginie Despentes gehört zu den Autorinnen, die man hierzulande als Skandalautorin bezeichnen würde. Ihre Bücher behandeln Themen wie Gewalt, Sex und Prostitution. Ihr erster Film, basierend auf ihrem Debütroman, wird nach nur zwei Wochen aus dem Kino verbannt und darf nur noch in Pornokinos gezeigt werden – was in Frankreich fast einem Verbot gleichkommt. Der Film zeigt zwei Frauen, welche Opfer männlicher Gewalt wurden und sich nun über sexuelle- und Gewalthandlungen aus der Opferrolle befreien wollen. Allein der Titel des Films macht unmissverständlich Despentes persönliche Haltung zu diesem Thema deutlich: „Baise moi!“ – zu deutsch: „Fick mich!“ – eine Art Schlachtruf der Frauen, um zu zeigen: Wir wollen nicht sexuelles Objekt sein, wir begreifen uns als sexuelles Subjekt!

Despentes Themenfelder stoßen in der breiten Öffentlichkeit auf Missgunst, Ablehnung und Ekel: Wie kann ausgerechnet eine Frau etwas derart Brutales verfassen?

Es ist ihre Weigerung, stereotyp weiblichen Zuschreibungen zu entsprechen. Gleichzeitig ist dies der Weg, Erlebtes zu verarbeiten: Gewalt und Prostitution sind Teil der eigenen Biographie: Mit 17 Jahren wird sie beim Trampen von drei Jungen vergewaltigt. Besonders die Ohnmacht, die diesen Moment bestimmte, ist es, die sie als zuwider empfindet: „Was hätte ich in jener Nacht nicht darum gegeben, das, was meinem Geschlecht auferlegt wurde, einfach abzuschütteln und die drei zu erwürgen.“

Die geschlechterbedingte Machtzuschreibung, die sie hier am eigenen Leib erfährt, wird so zum Leitthema ihres Lebens, an dem sie bis heute rüttelt. Der erste Schritt der Befreiung aus jener Ohnmacht ist für sie die Prostitution: „In meinem Fall war die Prostitution ein sehr wichtiger Schritt, eine Art Neubeginn nach der Vergewaltigung.“ Despentes erlebt hier eine Art Entschädigung. Das was ihr in einer Nacht genommen wurde – die selbst bestimmte Sexualität – das nimmt sie sich zurück: „Mein Geschlecht gehörte niemanden mehr außer mir und warf zudem Gewinn ab.“ Später wird das Schreiben zum Ventil. Die Figuren ihrer Romane tauchen noch mal in das Erlebte ein, passieren ihre Lebensabschnitte und Erfahrungen. Auch das gehört für Despentes zur persönlichen (Über-)Lebensstrategie: „Es ist eine Art Entblößung, die auch bedrohlich sein kann, doch es ist für mich der angemessenste Weg.“

Der vor kurzem erschienene Essayband „Die King Kong Theorie“ kann als Retrospektive der vorangegangen Romane begriffen werden. Hier wendet sie sich gegen die Konstruktion von Geschlechterrollen, fordert mehr Respekt für Pornodarstellerinnnen sowie Prostituierte und verweist auf die bestehenden Machtverhältnisse in der Ehe: „Wer die Auffassung vertritt, Prostitution sei eine Form der Gewalt, die den Frauen angetan wird, will uns vergessen machen, dass vielmehr die Heirat eine Form der Gewalt ist, die den Frauen angetan wird.“

Die vulgäre Sprache, die sich als Leitfaden durch das Buch zieht, ist hier als Pamphlet gegen die weiblich normierte Rolle („sanft, sexy und schweigsam, wie ein Grab“) zu sehen. Sie nennt sich King Kong und sagt: „King Kong ist eine Metapher für eine Sexualität in der Zeit vor der Unterscheidung der Geschlechter. King Kong ist jenseits von Männlein und Weiblein.“ Und das ist auch der Appell, den sie an Leserin und Leser gleichermaßen richtet: Sie erklärt, dass „Männlichkeit im traditionellen Sinne ein ebenso selbstverstümmelndes Unterfangen, wie die Gebundenheit an das Diktat an die Weiblichkeit“ sei und fordert die Aufhebung der sozialisierten Zweigeschlechtlichkeit.

Despentes setzt zweifelsohne neue Maßstäbe emanzipatorischen Handelns, wie an jenem umwerfenden Resümee deutlich wird: „Niemals wird meine Macht von der Unterlegenheit der anderen Hälfte der Menschheit abhängig sein.“

Isolde Aigner