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Frühjahr 1/2020

„In den Schützengräben des Ersten Weltkriegs nahm der Nationalsozialismus seinen Anfang“

Ein Interview mit der Historikerin Anke Hoffstadt von Melanie Stitz

Inwiefern hat der Erste Weltkrieg unser Denken und unseren Alltag verändert und bis heute geprägt?

Der Erste Weltkrieg wird heute vor allem als technische Verwandlungszone wahrgenommen. Und tatsächlich: Im Krieg von 1914 bis 1918 wurden Telefon, Teebeutel und Armbanduhr erfunden oder weiterentwickelt. Harmlose Dinge. Aber zu den ‚Errungenschaften‘, die wir vom Ersten Weltkrieg ‚geerbt‘ haben, gehören auch Panzer, Minen oder Jagdflugzeuge. In Flandern wurde im April 1915 erstmals Giftgas eingesetzt. Bemerkenswert war das Zusammenspiel von modernen und sehr atavistischen Elementen: Technische Gerätschaften, die man eigentlich bei mittelalterlichen „Mann gegen Mann“-Kämpfen erwarten würde, waren noch im Ersten Weltkrieg präsent. Die ersten Gasmasken sahen aus wie mittelalterliche Gesichtsharnische und es gibt eine berühmte Feldpostkarte, die einen Reiter mit Gasmaske und Lanze zeigt. Aber insgesamt waren diese und viele andere kriegstechnische Neuerungen, die im Ersten Weltkrieg entstanden oder zum ersten Mal benutzt wurden, für das Wesen ‚moderner‘ Kriege bis in unsere Zeit enorm wichtig. Vieles davon gibt es noch heute in perfektionierter Form. Wir müssen nur nach Syrien schauen, wo der Einsatz von Giftgas eine große Rolle gespielt hat, um der verhängnisvollen Spuren des Ersten Weltkrieges auch heute noch gewahr zu werden.

Zugleich gilt der Erste Weltkrieg auch als der erste industrialisierte Krieg, die Rüstungsindustrie nahm völlig neue Ausmaße an. Krupp entwickelte und verkaufte nahezu zeitgleich das Geschütz „Dicke Bertha“ und die ersten Zahnprothesen aus Stahl und machte so gleich doppelten Gewinn. Und schließlich wird häufig vom ersten „totalen Krieg“ gesprochen, wenn es gilt, den Ersten Weltkrieg in seinem Charakter einzuordnen. Das betrifft gleich mehrere Aspekte: Riesige Massenheere trafen aufeinander, Millionen von Menschenkämpften gegeneinander. Von 1914 bis 1918 starben 10 Millionen Soldaten an der Front, es gab 20 Millionen Verwundete oder Verschollene. Aus Deutschland waren schätzungsweise 13 Millionen Soldaten über die ganzen vier Jahre hinweg im Einsatz. Zwei Millionen davon starben an den Fronten. Hinzu kommt, dass die überlebenden Soldaten nicht mehr als diejenigen nach Hause kamen, als die sie in den Krieg hinein gegangen waren. So folgte auf den Krieg mit all seinen Konsequenzen, mit Verwundungen und Traumata, auch eine sozial ganz neue Situation – in allen beteiligten Ländern. Jede Familie war betroffen, jede und jeder hatte Angehörige verloren. Zuhause prägten nach dem Krieg Kriegsversehrte das Straßenbild, mit ihren zerschlagenen Gesichtern und amputierten Gliedmaßen. Ernst Friedrich zeigte all das 1924 in seinem Buch „Krieg dem Kriege“. Es entwickelte sich die moderne Prothetik – ein weiterer bitterer ‚Fortschritt‘ im Gefolge des Krieges. Und dann war der Erste Weltkrieg auch die Geburtsstunde der sogenannten Kriegsneurosen. Auch hier haben wir Kontinuitäten. Heute ist nicht mehr die Rede von „Kriegszitterern“ sondern von „shellshocksyndrom“ oder von„Posttraumatischen Belastungsstörungen“.Psychotherapie und Psychiatrie beschäftigen sich heute mit den Leiden der SoldatInnen, die aus Afghanistan oder den afrikanischen Krisengebieten zurückkehren.

Und natürlich sind da auch noch die ideologischen Aspekte zu nennen, vor allem die Feindbilder, die aufgegriffen und verfestigt wurden. Viele für Frankreich oder Großbritannien kämpfende Soldaten kamen aus deren Kolonien oder stammten aus den Dominions des Commenwealth. Auf den Schlachtfeldern trafen Männer aus dem Senegal oder aus Indien mit Soldaten aus dem Deutschen Reich aufeinander. Vom Kolonialismus geprägte, rassistische Feindbilder, die im Ersten Weltkrieg durch dieses Aufeinandertreffen eine ganz neue Qualität erfuhren, haben bis heute Spuren hinterlassen. Gleichzeitig gilt der Erste Weltkrieg aber auch für die Kriegsbeteiligten aus Südafrika und Australien als dieGeburtsstunde nationaler Identitätskonstruktionen und -konzepte. Die Landkarten der Welt wurden neu geordnet. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Antisemitismus, der im Ersten Weltkrieg massiv katalysiert wurde. 1916 initiierte die deutsche Heeresleitung z.B. die sogenannte „Judenzählung“. Sie sollte den Beweis erbringen, dass jüdische Kriegsteilnehmer verhältnismäßig weniger häufig an der Front waren als ihre nicht-jüdischen „Kameraden“. Diese statistische Erhebung zeitigte zwar nicht das gewünschte Ergebnis, aber der Mythos war in der Welt und nährte das Bild vom „jüdischenDrückeberger“ oder „Kriegsgewinnler“, der fernab der Front vermeintlich Geschäfte machte, während andere für das „Vaterland“ fielen. Dieser Mythos und auch die Selbststilisierung, am „Opfergang“ teilgenommen, sich gar freiwillig gemeldet zu haben, sind nach dem Ersten Weltkrieg als Wahrnehmungs- und Einstellungsmuster vor allem bei den Nationalkonservativen und im NS-Lager wiederzufinden. Neben den Feindbildern und -stereotypen, die sich auf die feindlichenNationen bezogen, kam noch die von Reichspräsident Hindenburg in die Welt gesetzte Legende vom sogenannten „Dolchstoß“ hinzu, wegen dem das Deutsche Reich den Krieg verloren habe. Der Hass richtete sich gegen die „Feinde in den eigenen Reihen“, gegen Sozialisten und die Kommunisten. Diese Zuschreibungen vermischten sich in der Propaganda wiederum mit dem Antisemitismus, da hier vor allem jüdische Akteure als „Drahtzieher“ ausgemacht schienen. So wurde das Feindbild vom „jüdischen Bolschewisten“ im Ersten Weltkrieg geboren und ist bis weit in den Antikommunismus der Gegenwart hinein aktiv. Schließlich wird in der neueren Forschung oft gefragt, inwiefern der Nationalsozialismus in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges „geboren“ worden ist. Die Literatur dazu ist vielfältig und kommt stets zu dem gleichen Schluss. Plakativ formuliert: Ohne den Ersten Weltkrieg hätte es den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg in dieser Form nicht gegeben. In den Schützengräben des Ersten Weltkrieges nahm der Nationalsozialismus seinen Anfang.

Auf der anderen Seiten haben wir viele Verwandlungen im Alltag an der sogenannten „Heimatfront“: Ein Beispiel sind die Geschlechterrollen. Fotos von „Hungerpolonaisen“ zeigen Frauen und Kinder, die stundenlang vor Läden anstanden für eine kleine Ration Lebensmittel. Viele Arbeiterinnen schufteten in der Rüstungsindustrie. Und hier waren die Arbeitsbedingungen sehr schlecht. Arbeitszeitgrenzen waren aufgehoben und der Arbeits- und Betriebsschutz spielte keine Rolle mehr. Die Frauen, die Granaten herstellten, bekamen sehr bald den zynischen Spitznamen „Kanarienvögel“, denn der permanente Kontakt mit Chemikalien wie Schwefel führte dazu, dass sich ihre Haut gelb verfärbte. Daneben lagen alle anderen Belastungen im ArbeiterInnen-Haushalt auf den Schultern der Frauen. Damit einher ging aber auch eine Eroberung von Berufsfeldern, die ihnen vorher verwehrt wurden: Frauen waren plötzlich Schaffnerinnen oder Postbotinnen. Und auch wenn sich diese Veränderung langfristig nicht festigte, weil die Männer nach ihrer Rückkehr – und nach Kriegsende – in „ihre“ Berufe zurückdrängten: Erstmals gab es diese „Es ist möglich“-Situation, in der klar wurde, dass Frauen in diesen Berufen ganz gleichwertig sein konnten. Das politisierte ungemein. Letzten Endes ist durch diese Doppelt- und Dreifachbelastung ganz viel politisches Selbstbewusstsein entstanden, auch wenn Frauen an der „Heimatfront“ in der Rückschau für meinen Begriff viel zu oft noch als passiv leidend dargestellt werden. Heute wird zum Beispiel leider immer noch viel zu oft davon gesprochen, dass die Hungerunruhen, das Plündern von Lebensmittelgeschäften, als deren Akteure vor allem Frauen, Kinder und Jugendliche gelten, unpolitische Lebensmittel-Aufstände gewesen seien. Tatsächlich ist das vielerorts anders gewesen. In Wuppertal etwa wurden auch Geschäfte ausgeräumt, dann aber sind die plündernden Frauen, Jugendlichen und Soldaten auf Heimaturlaub auch in die reicheren Bezirke der Stadt gegangen und haben die Fenster der Villen eingeschmissen.

Dieses Selbstbewusstsein der Frauen war nicht wieder zurückzudrehen. Die Frauenbewegung bekam Luft unter die Flügel. Zu den Kämpfen gegen §218 ging es nun intensiver auch um politische Partizipation. Das „Frauenwahlrecht“ war nach dem Krieg ein Schritt dahin. Clara Zetkin und ihre Positionen waren in diesem Zusammenhang enorm wichtig.

Du studierst derzeit aufmerksam, wie und von wem im sogenannten „Geschichtsjahr 2014“ an den 1. Weltkrieg erinnert wird. Welche Sichtweisen dominieren Deiner Einschätzung nach?

Es gibt in vielen Städten Veranstaltungen und lokalhistorische Projekte, viele kleine und lokale Initiativen, dich ich wirklich großartig finde. Ein Beispiel sind die vielen Ausstellungen von Dachbodenfunden. Sie sind das Ergebnis von lokalen Projekten, die dazu aufrufen: „Schaut doch mal in euren Kellern und auf euren Dachböden nach, was sich dort finden lässt“ und „wie sieht es denn in eurer Familiengeschichte mit den Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg aus?“. Solche Projekte sind wichtig. Sie befördern das Bewusstsein dafür, dass unsere Gegenwart Wurzeln hat und nicht vom Himmel gefallen ist. Sehr gute Arbeit leisten da auch transnationale Initiativen wie die partizipative Plattform www.europeana1914-1918.eu, eine Datenbank, auf der NutzerInnen Fotos und Bilder von Dokumenten und Gegenständen, von der Feldpostkarte bis zum Kriegskochbuch, hochladen können. Diese doinghistory-Ansätze und die Recherche lokaler Bezüge halte ich für sehr produktiv.

Die großen Akteure, seien es die Bundeszentrale oder die Landeszentralen für poltische Bildung, das Außenministerium, viele Medien oder auch manche der RepräsentantInnen der ehemals kriegsbeteiligten Nationen sprechen dagegen vor allem von „Europa“ und dem „europäischen Friedensprojekt“, wenn sie an den Krieg vor 100 Jahren erinnern. Auffällig erscheint mir, dass sie alle unermüdlich behaupten, „wir“ bräuchten eine gemeinsame europäische Erinnerung und gemeinsame Erinnerungsorte. Wo man auch hinschaut und auf welche Veranstaltungen man geht, immer wieder wird von Europa und dem Frieden in Europa gesprochen.

Dabei bleibt doch die Frage, warum „wir“ keine europäische Erinnerungskultur haben entwickeln können. Manche Gründe hierfür erscheinen fast banal. Zum Beispiel gibt es auf dem Gebiet der Bundesrepublik keinen Kriegsschauplatz im engeren Sinne, anders als in Frankreich, Belgien und Osteuropa – wobei die Kriegsschauplätze in Ost- und Südosteuropa ohnehin in dieser Erinnerungsinszenierung kaum wahrgenommen werden. Wenn wir einen Blick über die Grenzen werfen und Fragen zu den doch so großen Unterschieden in der Bedeutung stellen, die die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg in den unterschiedlichen Ländern einnimmt, wird außerdem einmal mehr deutlich: Es gibt natürlich auch Gewinner- und Verlierergedächtnisse und es macht einen Unterschied, ob Belgien oder Frankreich angegriffen worden und am Ende siegreich geblieben sind. Vor diesem Hintergrund ist die Idee, einen europäischen Erinnerungsraum zu haben oder einzufordern, eigentlich absurd. Und so stellt sich einmal mehr die Frage, warum so darum gekämpft und so viel dafür investiert wird, diesen Ort zu schaffen und vor allem symbolpolitisch wirksame Zeichen zu setzen. Ende Juni wird Bundespräsident Gauck mit dem französischen Staatspräsidenten Hollande am Hartmannswillerkopf im Elsass, seinerzeit Kriegsschauplatz, zum Handschlag zusammenkommen – auch damit soll ein symbolischer Erinnerungsortgeschaffen werden.

Du zitierst ja gerne Arno Klönne: „Wenn Erinnern an Geschichte selektiv geschieht, hat das Gründe. Zumeist aktuelle.“ Was sind Deine Vermutungen: Welche Motive und Interessen prägen solcherart Erinnerungspolitik?

Ich denke, ein Lob des europäischen Friedensprojektes und der europäischen Integration dient auch als Legitimationsfolie. Und da bin ich natürlich ersteinmal skeptisch, denn ich glaube, dass hier zwei wirklich zentrale Dinge vergessen werden: Dieses Europa ist nicht friedlich. Weder nach innen, noch nach außen. Die Austeritätspolitik der Troika gegen die südeuropäischen Länder ist ein aggressives Projekt. Außerdem haben wir das europäische Grenzregime, mit Frontex im Einsatz gegen Menschen, die übers Mittelmeer flüchten– zumeist vor Kriegen! Von daher ist so eine Erinnerungskultur, wie sie jetzt von den großen politischen Akteuren öffentlichkeitswirksam institutionalisiert werden soll, Augenwischerei.

Das Klönne-Zitat stammt aus einem großartigen Text, den Arno Klönne für Telepolis geschrieben hat. Wie kein anderer bringt er in wenigen Worten und Sätzen die Dinge auf den Punkt. Europa und Frieden, das sind Legitimierungsfragen, die da verhandelt werden. Klönne betont zudem, dass heute viel zu leichtfertig vom Ersten Weltkrieg als von der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ gesprochen wird. Das geht zurück auf George F. Kennan, einen US-amerikanischen Diplomaten und Historiker. „Die Schlafwandler“ – das ist ein weiteres wichtiges Stichwort, das die Debatte prägt, angestoßen durch den gleichnamigen Beststeller von Christopher Clark. Das Buch besticht mit Quellengenauigkeit, Materialfülle und Sprachkompetenz und der Autor analysiert sehr genau, wie am Vorabend des Ersten Weltkrieges auf der diplomatischen Ebene großer Politik agiert wurde. Wenngleich auch manche Verantwortlichkeiten betont, andere etwas weniger beleuchtet werden, kommt dann aber doch unter dem Strich heraus, dass es sich um eine Art naturgesetzmäßiger Katastrophe gehandelt haben soll. Kriege brechen eben aus – hoppla! –, die diplomatischen Zusammenhänge und Verhandlungen scheinen wie ein Konzert der Unachtsamkeit, alle sind irgendwie geschlafwandelt, haben den richtigen Moment verpasst, um sich zu verständigen, und so hat man die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ eben nicht verhindern können. Der oft verwendete Ausdruck „Katastrophe“ steht für eine glatte Entpolitisierung der Geschichte. Fragen nach Interessen und Interessenpolitik – wem nützte der Krieg? –, nachChauvinismus und Nationalismus, nach imperialistischer Konkurrenz, nach dem Kampf um Märkte, Absatz und Produktionsmacht – so etwas auszusprechen hat ja kürzlich einen Bundespräsidenten das Amt gekostet –, all das fällt unter den Tisch. Und alle atmen auf: „Wir“ sind jetzt doch nicht mehr Schuld am Ersten Weltkrieg, zumindest nicht schuldiger als alle anderen auch.

1961 veröffentlichte Fritz Fischer seinBuch „Griff nach der Weltmacht“. Er war zu dem Schluss gekommen, dass die imperialistische Weltmachtpolitik Österreich-Ungarns und des Deutschen Reiches ursächlichfür den Kriegsbeginn von 1914 war und mitnichten alle „hineingeschlittert“ sind. In den 1950er und 1960er Jahren lag aber über einem anderen Thema ein noch größerer Bann: Über Nationalsozialismus und Shoah wollte sich die deutsche Gesellschaft in keinem Fall austauschen – auch nicht in der Geschichtswissenschaft. So erregte Fischers These von der deutschen Verantwortung für den Ersten Weltkrieg riesiges Aufsehen – quasi stellvertretend für eine nicht geführte Auseinandersetzung, für das beredte Schweigen über den Nationalsozialismus. Wenn heute wieder hinter Fischers Thesen zurückgegangen und Deutschland von der Hauptschuld freigesprochen wird, dann hat das wahrscheinlich aktuelle Gründe. Deutsche PolitikerInnen können sich heute wieder hinstellen und sagen: „Ja, wir können und sollten in der Ukraine intervenieren und mitspielen im Konzert mit den anderen westlichen Großmächten. Wir dürfen Waffen verkaufen und Truppen entsenden, weil die moralische Last, die Verursacher von internationalen Kriegen zu sein, von unseren Schultern genommen ist.“ Immer öfter wird auch eine direkte Verbindung hergestellt: „Damals haben wir geschlafwandelt, heute müssen wir wachsam sein und Verantwortung übernehmen“.

Mir kommt dazu ein Zitat von Rosa Luxemburg in den Sinn. Sie schrieb im Mai 1914, zwei Monate vor Kriegsbeginn: Es sei „eine gefährliche Illusion, dass irgendwelche diplomatischen Bündnisse Garantien des Friedens sein können. Alle Bündnisse haben nur den Zweck, irgendeinen Außenstehenden desto besser abmurksen zu können. Wenn wir Klarheit schaffen wollen, müssen wir betonen, dass keine Bündnisse der kapitalistischen Staaten imstande sind oder auch nur den Zweck haben, den Frieden zu sichern.“

Welcher Art Erinnern sollten wir denn deiner Meinung nach diesem ideologischen Projekt entgegensetzen?

Unermüdlich betonen, dass der Erste Weltkrieg menschengemacht war. Er wurde getragen von einer militarisierten Gesellschaft, die eine ganz klare Interessenpolitik verfolgt hat – um Ressourcen und einen „Platz an der Sonne“, um lukrative Kolonien und wirtschaftliche Vormachtstellung. Nicht anders ist unsere Politik heute verfasst. Da liegen die Verbindungslinien zwischen 1914 und 2014.

Unabhängig von allen akademischen Analysen und außenpolitischen, diplomatischen Aspekten ist es aber doch so klar: In Kriegen geht es schlicht um massenhaftes Töten. Es geht um ungeheures Leid. Aber ich fürchte, selbst für diesen Fakt wirst Du heute keinen Konsens mehr bekommen. Es wird unsichtbar gemacht, verharmlost oder geleugnet. Die Soldaten, die im Zinnsarg von Auslandseinsätzen zurückkommen, werden als „Gefallene“ ausgezeichnet. Ermordete ZivilistInnen sind „Kollateralschäden“ – auch heute noch. Die Konferenz, die wir vorbereiten, heißt nicht umsonst „Geschichte wiederholt sich nicht, aber …“, anspielend auf ein Zitat, das Mark Twain in den Mund gelegt wird: „Historydoes not repeatitself, but itdoesrhyme“ (Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich).

Trotz aller gegenteiligen Erfahrungen gilt die Androhung von Krieg wieder als Möglichkeit, als „Fortführung der Politik mit anderen Mitteln“, und es kursiert die Vorstellung, sogenannte Krisenherde ließen sich befrieden, indem man uniformierte Menschen dorthin schickt. Nach wie vor verharrt das Denken in nationalstaatlichen Konzepten von Hegemonie und Verteidigung und die Bundewehr wirbt inzwischen an Schulen für einen „ganz normalen Beruf“. Meine Lehre aus dem Ersten Weltkrieg ist dagegen eine entschiedene Haltung für Antimilitarismus und gegen jedweden Nationalismus, Europas Grenzregime eingeschlossen.

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, die viel zu kollektiver Erinnerung arbeitet, hat etwas sehr Kluges gesagt, sinngemäß: Wenn wir etwas aus dem Ersten Weltkrieg lernen wollen, dann sollten wir fragen, was davon eigentlich in unseren Köpfen geblieben ist und wie Feindbilder funktionieren. Wie funktionieren – bis heute – Nationalismus, Militarismus, Rassismus, Antisemitismus und Antikommunismus? Diese Fragen sollten wir laut in die Erinnerungslandschaft hineintragen.

In einigen Workshops der Konferenz wird es auch um die Bedeutung von Männlichkeiten und Geschlechterverhältnissen gehen. Könntest Du die Fragestellungen ein wenig erläutern?

Zum einen wird es natürlich darum gehen, die Geschichte von Frauen zu erarbeiten, eine klassische Frage aus der Geschlechtergeschichte also. Silke Fehlemann wird zum Beispiel über Soldatenmütter berichten. Ihr Fokus liegt dabei auf Erzählungen, auf dem Umgang mit Trauer und wie diese ritualisiert wurde. Romane und Ratgeberliteratur schlugen vor, wie Trauer bei einer „guten“ Frau, Mutter, Angehörigen auszusehen habe.

Sehr wichtig ist uns aber auch die Frage nach der Konstruktion von Geschlechteridentitäten. Hierzu werden wir vor allem sogenannte „Männlichkeiten“ in den Blick nehmen: Welcher Art männlicher Identitäten waren notwendig, um gewalttätiges und brutales Verhalten zu forcieren? Wie wurden sie durchgesetzt und etabliert? Welche Männlichkeitskonzepte entstanden durch die Kriegserfahrungen und in militärisch geprägten Männerbünden? Dabei knüpfen wir an Raewyn Connells Arbeiten zu hegemonialer Männlichkeit, an Klaus Theweleits Analysen zum „soldatischen Körper“ und Sven Reichardts Forschungen zu Männerbünden an. Leider wird in der Wissenschaft die Frage noch etwas vernachlässigt, welche Rolle weibliche Identitätskonstruktionen spielen, wenn es darum geht, Krieg und Gewalt zu ermöglichen und zu legitimieren.