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Herbst 3/2020

„Die Gandhi der Westsahara“ – Aminatou Haidar, Kämpferin für Menschenrechte

Sie spricht leise. Erzählt von auf der Straße zusammengeschlagenen Menschen, von ausgewiesenen JournalistInnen und JuristInnen, von Menschenrechtsverletzungen, aber auch von Widerstand und von Hungerstreiks im von Marokko besetzten Teil der Westsahara.
Sie weiß, wovon sie redet. Die 48-jährige Präsidentin der sahrauischen Menschenrechtsorganisation „Codesa“, „Gandhi der Sahara“ genannt und Ikone der Freiheitsbewegung, wurde selbst mehrmals von marokkanischen Sicherheitskräften verhaftet und gefoltert. 1987 wegen Teilnahme an einer Demonstration für Selbstbestimmung und Menschenrechte, da war sie 20. Sie wurde verhört, unter Elektroschocks gestellt, man „behandelte uns wie Tiere im Käfig“, sagt sie. Sie galt als „verschwunden“. 1991 freigelassen, setzte sie ihr Literaturstudium fort. Erneute Verhaftung und Entführung 2005 als inzwischen junge Mutter zweier Kinder wegen angeblicher Gründung einer kriminellen Bande. Nach einem 51-tägigen Hungerstreik wurde sie nach sieben Monaten Haft freigelassen. Erneuter 32-tägiger Hungerstreik im November 2009. Sie hatte gerade den Civil Courage Prize in den USA entgegengenommen und befand sich auf dem Weg zu ihrem Wohnort El Aaiún – da weigerte sie sich, ihre Staatsbürgerschaft als marokkanisch anzugeben, und wurde auf die kanarische Insel Lanzarote abgeschoben. Nach über einem Monat wurde sie freigelassen, auch dank der internationalen Solidarität, und durfte schließlich doch nach El Aaiún zurück, der geheimen Hauptstadt der Saharuis – ca. 200.000 EinwohnerInnen, von Marokko besetzt.
Sie würde so gerne nach Akka reisen, einer Oasenkleinstadt und Karawanenort in Afrikas letzter Kolonie: „Ich habe meine Geburtsstadt nie gesehen“, lächelt sie, mit etwas Nostalgie in den Augen.
Nach der Kolonialunabhängigkeit von Spanien 1976 wurde die Westsahara von Marokko illegal besetzt. Nach jahrelangen bewaffneten Auseinandersetzungen einigten sich die Regierungen Marokkos und der Polisario 1991 auf einen Waffenstillstand und auf ein Volksbegehren – dieses Volksbegehren wird jedoch von Marokko schon seit über 20 Jahren hinausgezögert.
165.000 Sahrauis leben schon jahrzehntelang unter äußerst schwierigen Bedingungen in den Flüchtlingslagern in Tindouf im südwestlichen Algerien. Ein 2.700 Kilometer langer Sandwall quer durch die Wüste trennt die von Marokko besetzten von den befreiten Gebieten: fünf Meter hoch, ein mit Landminen und Sprengfallen gespickter Streifen, bewacht von 150.000 Soldaten der Königlichen Armee.
Die Mauer verstümmelt und tötet – jeden Tag gibt es Opfer. Die Mauer trennt Familien, die sich auf der UN-Besuchsliste eintragen müssen, wenn sie Verwandte besuchen wollen. Inzwischen sind es drei Generationen, die ihr Dasein in den Flüchtlingslagern fristen. „Die Jugendlichen“, so die Menschenrechtskämpferin, „glauben nicht mehr an den gewaltlosen Widerstand.“ Krieg und Gewalt seien aber keine Alternative, sagt sie.
Aminatou Haidar akzeptiert den Status quo nicht, kämpft weiter für das Selbstbestimmungsrecht der Sahrauis. „Unser Problem ist das Schweigen“, sagt sie und verweist auf die allgemeine Ignoranz über die Westsahara, Afrikas letzte Kolonie.
Frankreich könne politisch schon etwas bewegen, meint sie, nicht zuletzt wegen dessen besonderen Beziehungen zu Marokko. Sie hofft auf die Zivilgesellschaft: „Diese kann wichtige Unterstützung leisten und Druck ausüben.“ Dafür ist sie unterwegs, um zu informieren und für Solidarität zu werben. Für ihr mutiges Engagement erhielt sie mehrere Preise, darunter den Robert F. Kennedy Human Rights Award 2008 und den Bremer Solidaritätspreis für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte 2013. Dutzende von Städten in Italien haben Aminatou Haidar zur Ehrenbürgerin ernannt.
Ihr Engagement sei selbstverständlich, meint die bescheidene Frau. Schließlich seien die sahrauischen Frauen in ihrer Gesellschaft sehr geachtet, und diese Anerkennung spiele eine Rolle bei ihrer Motivation.
„Nur eine Frau kann die Wüste zum Blühen bringen“, heißt ein altes Sprichwort.

Florence Hervé sprach mit Aminatou Haidar auf der Berliner Westsahara-Konferenz „Referendum now!“ im Dezember 2014. Sie besuchte schon zweimal die Flüchtlingslager der Sahrauis in Tindouf/Südwestalgerien.