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Frühjahr 1/2017

Verleumdung muss sich keine/r gefallen lassen!

Seit ein paar Wochen tobt um die Kasseler Professorin Elisabeth Tuider eine Schlammschlacht. Sie lehrt am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, vertritt das Fach „Soziologie der Diversität“ und hat zusammen mit einem Kollegen das Buch „Sexualpädagogik der Vielfalt“ herausgegeben. In dem Praxisband werden „bewährte sowie völlig neue didaktische Anregungen und sexualpädagogische Methoden“ vorgestellt, denn es sei durch die „Ausweitung der Medien und der digitalen Kommunikation, das interkulturelle Nebeneinander verschiedener Lebensweisen sowie die erfolge der Frauen- und Homosexuellenbewegung“ zu einer „Diversifizierung aller Beziehungs- und Lebensbereiche“ gekommen. Diese gilt es vorzustellen und mit Jugendlichen zu besprechen.

Um dieses Buch und seine Autorin ist nun ein digitaler Shitstorm entbrannt. Richtig losgetreten hat ihn Akif Pirinçci, Autor des hetzerischen Buches: „Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“, das im Netz viel Zuspruch findet. Hier ist nicht der Platz, um den genauen Wortlaut der Kommentare wiederzugeben; je schlimmer frau es sich vorstellt, desto näher ist frau an der Wahrheit. Als sich der Sozialwissenschaftler und Biologe Heinz-Jürgen Voß mit Tuider solidarisierte, bekam er ebenfalls seinen „Dreck weg“ und hat inzwischen (laut taz vom 24.7.) ein straf- und zivilrechtliches Verfahren gegen Pirinçci angestrengt.

Leider ist diese Geschichte kein Einzelfall. Immer häufiger werden Menschen, die sich mit Genderforschung beschäftigen, vor allem im Internet wüst beschimpft und diffamiert. Dabei haben es die fest etablierten AkademikerInnen an den Universitäten oder Forschungseinrichtungen noch vergleichsweise gut – meistens steht ihnen eine Institution bei. Bei freischaffenden ForscherInnen sieht das anders aus.

Sich auch nur mit dem Gedanken zu befassen, dass Männer und Frauen keine feststehenden Geschlechtsidentitäten haben, sondern dass diese historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen unterliegen, scheint manchen unerträglich zu sein.

Und je emanzipatorischer die Bewegungen und Debatten, desto massiver die Reaktionen und Abwehrreflexe – gespeist aus der Angst, die als Naturgesetz erachteten Privilegien und Machtansprüche zu verlieren. Betroffen sind vor allem Gender-ForscherInnen und feministische BloggerInnen, die sich gegen Antifeminismus, Sexismus und Homophobie und für mehr Geschlechtergerechtigkeit wie -vielfalt einsetzen. Das reicht von Beschwerden über feministische Veranstaltungen, Wortergreifungsstrategien, Klagen, Hatespeech (zum Hass aufstacheln), Nazivergleiche im Netz („Feminazi“), Verleumdungen, pornographische Ausführungen in Online- Foren bis hin zu Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Sucht frau im Internet nach den Betroffenen, so finden sich unter den ersten Ergebnissen oft in der Mehrzahl Diffamierungen.

Diese Entwicklung stellt basale demokratische Errungenschaften in Frage, sie gefährdet konstruktive, belebende Debatten um Geschlechterverhältnisse und schädigt „Wissenschaft und Universität […], als Teil einer demokratischen, gerade dem Nichtanerkannten und Prekären verpflichteten Gesellschaft“, so der Vorstand der Fachgesellschaft Gender e. V. Sie stellt neue, belastende Anforderungen an alle, die sich im Feld von Feminismus und Gender bewegen: Wie gehe ich mit einer (Online-)Diffamierung um? Wem kann ich mich anvertrauen, wie mich schützen? Welche Rückendeckung brauche ich? Welche juristische Handhabe gibt es, brauche ich eine Rechtsschutzversicherung?

Wir dürfen die Betroffenen nicht allein lassen! Gegen solche Angriffe helfen nur Solidarität, Aufklärung und strengere gesetzliche Regelungen. Wir leben immer noch in einem Rechtsstaat, und Verleumdung muss sich keine/r gefallen lassen. Stärken wir den FeministInnen, Gender-ForscherInnen, -AutorInnen und -PublizistInnen den Rücken!

Wir-Frauen-Redaktion, Juli 2014

Zum Solidaritätsaufruf von Heinz-Jürgen Voß

Ferner nehmen solidarisch Stellung: