Logo
Herbst 3/2017

„Tropipunk Party“ – Provokant und Spaß dabei

Von Anna Schiff und Mareen Heying

Gründungsmythen wie die der Kumbia Queers werden sonst nur von Männern zelebriert: Die lateinamerikanische Frauenband entstand aus einer Bierlaune heraus. Und diese Laune ist auch das, was die Band ausmacht: Sie macht Spaß! Konzerte von Kumbia Queers sind energiegeladene Events voller Freude an der Musik und am Tanzen, verknüpft mit einer politischen Botschaft: Normen sind da, um gebrochen zu werden.

Die aus Mexiko stammende Ali Gua Gua tourte 2007 mit ihrer Band Ultrasónicas unter anderem durch Argentinien, wo sie die Frauenpunkband She Devils und die Solokünstlerin Joana Chang bei einem Festival kennenlernte – die Frauen zechen die Nacht durch und beschließen eine Band zu gründen. Der Name „Kumbia Queers“ ist eine rotzige Anspielung auf die erfolgreiche US-Amerikanische (Männer-)Band mit mexikanischen Wurzeln Kumbia Kings.
Zunächst spielen sie Coverversionen von Madonna, The Cure oder Black Sabbath mit den Rhythmen von Cumbia unterlegt und mit queeren Texten aufgemotzt. Zurzeit tourt die Band durch Europa unter dem Motto „10 years of tropipunk party“. Am 26. Juli 2017 spielten sie im Düsseldorfer Kulturzentrum Zakk, wo nach anderthalb Stunden wilder und energiegeladener Darbietung nicht nur das Publikum verschwitzt war. Zudem gab es sechs Zugaben. Eine von ihnen war eine ironische Hommage an Madonna: Deren „La Isla Bonita“ dichteten die Kumbia Queers zu der Insel mit Mädchen um, „La isla con Chicas“ – Frauenpower eben.

Cumbia ist eine aus Kolumbien stammende Musikrichtung, die in den 1950ern entstand und in den 1990ern und 2000ern ein Revival erlebte. Teil dieses Revivals war die Entstehung des Untergenres Cumbia Villera, dessen Texte überwiegend politisch geprägt sind, Armut und Kriminalität in den Elendsvierteln Kolumbiens thematisieren und darin dem amerikanischen HipHop gleichen, dem sie in Sachen männlicher Dominanzkultur in nichts nachstehen. In diese Tradition der politischen und nicht angepassten Musikkultur reihen sich die Kumbia Queers ein und stellen der männlichen Dominanz ein feministisches Modell entgegen.

Ebenso queer wie ihre Texte sind auch die Mitglieder selbst. Sie passen sich weder musikalisch noch optisch vermeintlichen Normen an, sondern stellen sich diesen mit Freude und Elan entgegen. Während Sängerin Juana Chang mit ihrem Stirnband an Fitnessvideos der 1980er Jahre erinnert, schlägt sie mit ihren Rasseln Tanzbeats und begeistert mit zarten und lauten Tönen. Dabei nimmt sie durch keckes Wackeln mit den Brüsten Standardtänze aufs Korn und verliert das ganze Konzert über nicht an Elan. Die energiegeladenen Künstlerinnen – zwischen androgynem Cowgirl und lässiger Skaterin – beherrschen ihre Instrumente, jeder Ton sitzt. Das Publikum ziehen sie in ihren Bann, lautes Klatschen und wildes Tanzen folgen auf jedes Lied. Ebenso wie in Lateinamerika wirken diese unkonventionellen Geschlechterbilder auch in Deutschland provokant. Eine Provokation, die Spaß macht.
Die Frauen zeigten nicht nur, wie schön Salsa-Rhythmen und Punkriffs harmonieren können, sie versprühten auch eine Lebensfreude, die auf das Publikum überging. Statt eines Pogo-Mobs tat sich eine Salsa-Manege auf. Bis in die letzte Reihe schwooften alle KonzertbesucherInnen zum Beat. Ein Konzerterlebnis, das einen positiven Rückblick ermöglicht: Politische Musik und non-konformes Verhalten sind nicht nur harte Kämpfe, sondern machen Lust auf mehr, auf mehr „Tropipunk Partys“!