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Herbst 3/2017

THE MISANDRISTS – Die Männerhasserinnen

Von Kathrin Schultz

Knapp die Hälfte aller Regie-Abschlüsse an hiesigen Filmhochschulen geht an Frauen, doch beim TV erhalten sie nur 15 % der Aufträge, obwohl dies als Türöffner für die Filmbranche gilt. Beim „Verband Deutscher Filmproduzenten“ sind lediglich 15 der 59 Mitglieder weiblich. Und in anderen europäischen Ländern ist die Situation ähnlich: Der Großteil der Filmförderung fließt an Männer. Noch dazu bekommen deren Kolleginnen 35 % weniger Budget.
Missverhältnisse, die bereits vor 30 Jahren vom „Verband der Filmarbeiterinnen“ thematisiert worden sind. Im digitalen Zeitalter bietet der „Regisseurinnen-Guide online“ – initiiert vom FrauenFilmFestival Dortmund – eine Übersicht über die in Deutschland ansässigen Regisseurinnen. Viele von ihnen haben 2014 die Initiative „Pro Quote Regie“ gegründet, mit dem Ziel, bis 2024 einen Frauen-Regie-Anteil von 50 % zu erreichen. ARD und ZDF haben 2017 als erste reagiert und in einer Selbstverpflichtung eine Frauen-Quote von 20 % vereinbart. Ein erster Schritt in die richtige Richtung, immerhin.

Umso erfreulicher, „AMARD BIRD Films“ kennenzulernen. Diese Filmproduktionsfirma hat sich auf Regisseur*innen spezialisiert, die eine einzigartige Sicht auf gesellschaftliche Verhältnisse werfen und soziale Strukturen in ihren Filmen hinterfragen und reflektieren. So steht es im Portfolio. Aber was steckt dahinter?
Sonja Klümper, 1981 in Düsseldorf geboren, wollte Journalismus studieren, bekam jedoch keinen Studienplatz. Einige Zeit arbeitete sie auch bei Wir Frauen mit. Nach ihrem Abschluss in Sozial-, Politikwissenschaften und Gender Studies zog sie nach Berlin, wo sie Paula Alamillo Rodriguez traf. Die gebürtige Spanierin hatte ebenfalls nie eine Filmhochschule besucht, „wollte aber immer was mit Film machen“, wie sie im Interview erzählt. Viele politisch-künstlerisch aktive Frauen* und Queers zu kennen, hat den Ausschlag gegeben, eine eigene Firma zu gründen: Um queere Filmprojekte zu professionalisieren und so einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dass beide, trotz des Nischenfeldes, das sie sich ausgesucht haben, erfolgreich sind, zeigt ein Blick auf ihre Homepage: Seit 2014 wurden 4 Langfilme produziert, 3 davon feierten Premiere auf der Berlinale.

Einer davon ist „The Misandrists“: „Irgendwo in Ger(wo)many, in einem Mädchen-Internat. Eine weiblich-radikale Army of Lovers rüstet zur letzten Revolution. Man, nein, frau diskutiert, agitiert, menstruiert, sinniert über den Untergang des Patriarchats, paukt Pathogenese und hat Sex. Dass ausgerechnet ein junger Soldat im Feminist*innen-Kloster Zuflucht sucht, darüber ist „Big Mother“ not amused. Doch eine Frage bleibt: Kann es innerhalb eines korrupten Systems überhaupt Gleichheit geben? Oder müssen vorher ein paar Schwänze rollen?!“
Der Cover-Text verrät, dass der Film als Persiflage zu verstehen ist, die vor allem die 2. Welle des Feminismus karikiert. „Aber alles sehr liebevoll dargestellt und voller Respekt“, wie Paula betont. Kritik sogar aus den eigenen Reihen gab es trotzdem. Nicht zuletzt, da ein Mann Regie geführt hat: Bruce LaBruce. Dem kanadischen Teddy-Award-Gewinner wurde angekreidet, zu viele Filme nur mit Schwulen besetzt zu haben, jetzt wird sein Film über eine männerlose, vornehmlich lesbische Gemeinschaft kritisch beäugt. „Ich aber finde“, ergänzt Sonja, „dass Bruce sehr belesen und informiert ist über feministische Zusammenhänge. Das zeigt sich allein in den Dialogen.“ Gefangen in seiner eigenen Männerrolle, taucht Bruce als „stiller Beobachter“ zudem selbst im Hintergrund auf, z.B. als tanzende Nonne. Gast-Sequenzen, Bruce´ Markenzeichen, sollen seine eigene Involviertheit zeigen und auch: Der Regisseur nimmt sich nicht bierernst.
Den Filmemacherinnen ist, neben Diversität beim Casting, Queer-Sensibilität sehr wichtig. Bezogen auf die gesamte Crew. „Licht, Kamera, Ton, Catering – wenn nicht gleich eine Frau* für den Posten gefunden wird, suchen wir aktiv danach“, so Paula. „Unser Ansatz ist es, bestehende Hierarchien zu durchbrechen. Deshalb besprechen wir am Set immer alles mit allen. Da hat uns der Fakt, nicht auf die Filmhochschule gegangen zu sein, vielleicht doch auch Vorteile gebracht.“
Seit der Premiere wird „The Misandrists“ auf Festivals weltweit gezeigt. „Die Story“, sagt Sonja stolz, „ist fast wie ein Krimi angelegt.“ Das Ende wird deshalb nicht verraten. Eine Triggerwarnung geht dennoch an Menschen, die kein Blut sehen können. Nach 2/3 Dritteln sollten sie für mehrere Minuten die Augen schließen. So lange dauert die Tortur des Soldaten, dem tatsächlich der Penis abgetrennt wird. „Ja, hier wird Gewalt gegen Männer gezeigt“, räumt Sonja ein, „dafür ist in andernorts Gewalt gegen Frauen alltäglich. Unsere Original-Aufnahmen, von einem Krankenhaus zur Verfügung gestellt, zeigen eine echte Geschlechtsangleichung und wurden als Stilmittel verwendet, zwecks Dekonstruktion des Patriarchats.“

Sonja und Paula wollen weitere Underground-Projekte umsetzen. „Dass Filme, an denen ich mitgewirkt habe, auf der Berlinale laufen“, verrät Sonja, „war immer mein großer Traum. Das Problem ist nur, dass wir kaum gute Honorare zahlen können.“ Low Budget, trotz staatlicher Filmteilförderungen. Da zeigt sie sich wieder die Ungleichheit: Filme von und über Frauen* – selbst wenn internationale Größen beteiligt sind – zu realisieren, ist äußerst schwierig. So wurde „The Misandrists“ in nur 11 Tagen in einem Dorf in Brandenburg gedreht. Alle Mitwirkenden wohnten in einem Haus. „Wahnsinn, das in so kurzer Zeit zu stemmen“, sagt Sonja. Aber sie sagt auch, dass die Produktionszeit wie „Sommercamp“ war und dass alle umso leidenschaftlicher mitgemacht hätten.
Für Folgeprojekte wünschen Sonja und Paula sich mehr finanziellen Spielraum. Neben spannenden Drehbüchern freuen sie daher über Privatinvestitionen. Zwei große Zukunftsträume verfolgen sie derzeit: „White Sands Crystal Foxes“ von Liz Rosenfeld sowie „The Sophie Horowitz Story“ filmisch umzusetzen. Für letztere – ein Ariadne-Lesben-Krimi-Klassiker nach einer Erzählung von Sarah Schulmann (1984) – wird Guinevere Turner, bekannt durch „The L Word“, mit vor der Kamera stehen. Bleibt nur noch zu wünschen, dass „AMARD BIRD Films“ die nötige Finanzierung erhält.


„Die Männerhasserinnen“ – ein Film mit Susanne Sachsse, Til Schindler, Kembra Pfahler, Viva Ruiz, Caprice Crawford, Kita Updike, Victoire Laly u.v.a. – 91 Min., engl. OT, Kinostart Sommer / Herbst 2017, dt. Verleih: Edition Salzgeber, Gefördert von Medienboard Berlin-Brandenburg.


Linktipps:
•    www.amardbirdfilms.com
•    www.proquote-regie.de
•    www.regisseurinnenguide.de
•    einzige feministisch-filmtheoretische Zeitschrift Europas: www.frauenundfilm.de
•    european womens audiovisual network (EWA): www.ewawomen.com