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Herbst 3/2017

Die bayerische Anti-Heimatdichterin: Gisela Elsner

5.5.2017 - 19:30  

Nichts würde zu Elsners Schaffen und Leben weniger passen als
der Titel „Heimatdichterin“. Ihre unbändige Spottlust schien vor
nichts und niemandem haltzumachen, erst recht nicht vor ihrer in
Verdrängung und Heuchelei verstrickten Nachkriegs-Heimat
namens BRD. Nach dem Abitur kehrte sie dieser erst einmal für
einige Jahre den Rücken. Die „große Schwester von Elfriede Jelinek“, wie sie zuweilen genannt wurde, war mit ihrer beißenden Gesellschaftskritik eine zu
früh Gekommene. Denn schreibende Frauen als politisch-satirische
Beobachterinnen waren in der Adenauer-Ära einfach nicht
vorgesehen, auch innerhalb des Literaturbetriebs nicht. Zwar wurde die hübsche Jungautorin der „Gruppe 47“ für ihr Debüt mit „Die Riesenzwerge“ 1964 als literarisches „Fräuleinwunder“ begeistert gefeiert und mit Preisen dekoriert.

Der von Rowohlt 1963 publizierte Roman mit seiner grotesken Sicht
auf braun-bürgerliches Spießertum avancierte schnell zum Bestseller. Und das, obwohl Elsners ungewohnt sperrige, quasi mäandernde Formulierungen dem Lesepublikum viel zumuteten. Solcherart radikal kritischen Stil sollten Autorinnen wie Elfriede Jelinek Jahrzehnte später perfektionieren. Wofür sie höchste Ehren ernteten. Die Exzentrikerin Elsner indes schien seinerzeit ein zu unerhörtes Unikum, insbesondere in der von Frauen verfassten
Literatur. Das war dann doch mehr, als der Mainstream-Büchermarkt auf
Dauer verkraften konnte und wollte. Ihre Bücher ließen sich bald
immer mühsamer vermarkten. Es steigerte die Verkaufszahlen auch
nicht gerade, dass sie sich jederzeit ungefragt zu ihren kommunistischen Sympathien bekannte. Zu Kompromissen war sie
eher nicht geneigt.

Als nach dem Ende der DDR auch ihre politischen Hoffnungen einen
Tiefschlag erlitten, sah sie für sich, verkannt, verarmt und
verbittert, keine Perspektive mehr. Zunehmend unbarmherziger an den Rand des Literaturbetriebs gedrängt, fand Gisela Elsner 1987 nur einen Verlag in Moskau, der sich bereit fand, ein Buch von ihr, auf russisch, herauszubringen:
Ihre mehrfach überarbeitete Erzählung über das Jahrestreffen eines
schrägen Haufens ewiggestriger Haudegen tief in der scheinbaren
Idylle des Bayerwalds: „Heiligblut“. Erst 20 Jahre danach erschien das streckenweise surrealistisch anmutende Meisterwerk schwarzen Humors auf deutsch.

Im Jahr 2000 kam der Film ihres Sohns Oskar Roehler über die
letzten Tage im Leben seiner Mutter in die Kinos: „Die
Unberührbare“. Da waren ihre Bücher längst aus den Regalen
verschwunden. Der Film weckte neues Interesse an Leben und Werk der einstigen literarischen Ikone. Eine Reihe ihrer Werke, die in vielerlei Hinsicht
exzellente Zeitdiagnosen sind, wurden (vom jungen Verbrecher-
Verlag Berlin) wieder aufgelegt. Nicht wenigen gilt die Autorin heute als die vielleicht bedeutendste Satirikerin der Bundesrepublik.

Im Anschluss an einen Vortrag des Berliner Literaturwissenschaftlers und Publizisten Dr. Kai Köhler liest Eva Petermann (Hof) Auszüge aus Gisela Elsners „Die Zerreißprobe“ und „Fliegeralarm“.
Die Veranstaltung wird unterstützt von der DKP Hof.

Freitag, 5. Mai, 19.30 Uhr     „Galeriehaus“ (Sophienberg, Hof/Saale)