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Sommer 2/2017

Popfeminismus

Vor allem im Zuge der sogenannten „dritten Welle des Feminismus“ wurde vielfach der Begriff Popfeminismus diskutiert. Frauen wie Charlotte Roche, Lady Bitch Ray oder Lady Gaga stehen im Zentrum der teilweise heftigen Auseinandersetzungen. „Was ist daran denn feministisch?“, haben sich viele gefragt. Und auch wir tun das angesichts der uns gebotenen Fleischbeschau. Ganz ehrlich: Feministisch ist an den halbnackten Tanzeinlagen Lady Gagas nur, dass sie eine selbstbewusste weibliche Kunstfigur verkörpert. Ebenso wenig ist es emanzipiert gewesen, dass Josephine Baker in den 1920er Jahren im Bananenröckchen vor einem weißen, amerikanischen Publikum tanzte. Denn in unseren Augen ist eine Frau nicht dann emanzipiert und feministisch, wenn sie mehr Haut zeigt als andere oder sich das Geld für größere Brüste und eine kleinere Nase selbst erarbeitet hat, um damit ihr Selbstbewusstsein aufzubauen. Sondern sie ist dann emanzipiert, wenn sie sich selbst verwirklicht und sich nicht durch andere verwirklichen lässt.

Seit etwa 20 Jahren hält der Feminismus öffentlich Einzug in die männerdominierte Popkultur. Der (pop-)feministische Blick möchte kulturelle Erzeugnisse und Alltagspraktiken, die vor allem im Zuge der gesellschaftlichen Modernisierung als Massenkultur Verbreitung gefunden haben, kritisch diskutieren und umdeuten. Kulturelle Erzeugnisse von Frauen, wie z. B. Musik, Filme oder Literatur, werden in einen feministischen Kontext übertragen, nachdem sie zuvor meist unbeachtet blieben, und erhalten so eine subversive Umdeutung. Zudem wurden Frauen über Jahrhunderte als Kulturschaffende ausgegrenzt, marginalisiert und ignoriert.

Heute beanspruchen sie lautstark ihren Platz im kulturellen Feld. Trotzdem haben es Frauen heute immer noch nicht leicht, in den männlichen Strukturen z. B. der Filmbranche als Filmemacherinnen wahr- und ernstgenommen zu werden. Die Regisseurin, Schauspielerin und Drehbuchautorin Sofia Coppola etwa wird trotz ihrer Erfolge nur als Tochter des Produzenten Francis Ford Coppola gesehen. Dies gilt auch für den Musikbereich. Noch bei Woodstock trat neben Janis Joplin eine weitere Frau auf, Melanie Safka, die nur spielen durfte, weil eine Männerband nicht im Regen musizieren wollte.

Bereits die Riot-Grrrl-Bewegung wollte Anfang der 1990er Jahre unabhängig sein von der männlich und patriarchal geprägten Musikindustrie. Junge Frauen in Olympia (USA) gründeten Punk-Bands, Labels und Fanzines und wollten eigene ökonomische Strukturen schaffen. Die Bewegung kam nach Europa und auch hier schilderten die Riot-Feministinnen in ihren Songtexten ihre Wut über sexuellen Missbrauch, Schönheitsideale und hegemoniale Gesellschaftsstrukturen.

Daraus folgten ab 2000 Ladyfeste, selbst organisierte Non-profit-Events; gestaltet von und für Frauen, um sich selbst in Szene zu setzen und zu feiern. Beiträge und Auftritte von Bands, Rednerinnen, Autorinnen, Künstlerinnen und anderen kreativ, kulturell und politisch engagierten Frauen werden präsentiert und zelebriert. Durch die Selbstermächtigung schafften sich hier und in anderen Bereichen Frauen einen Platz in der Popkultur.

In einer patriarchalen und kapitalistischen Gesellschaft sollen klassische (Geschlechter-)Stereotype entlarvt und dekonstruiert, überzeichnet und entkräftet werden. Daneben werden alternative (popkulturelle) Rollenbilder geschaffen. Doch diese neuen Rollenbilder können nicht in den Alltag integriert werden und sich positiv entfalten, wenn das Ziel immer noch Ausbeutung ist, ob ökonomisch oder privat. Eine feministische Kritik muss daher immer einhergehen mit einer Kritik am Kapitalismus, der es beharrlich in Kauf nimmt, Wohlstand für wenige auf Kosten vieler zu erlangen.

Sonja Eismann hat ihre Kritik an der Gesellschaft als eine „feministische Kritik an der Popkultur“ formuliert. Damit meint sie keinen Weichspülfeminismus, keinen „Wir haben alles erreicht, jetzt müssen wir nur noch sexy werden“-Feminismus, denn so wird Popfeminismus oft interpretiert.

Als Frau muss ich – so suggeriert es die neoliberale Gesellschaft – gut aussehen, immer top gestylt sein, den eigenen Haushalt perfekt im Griff haben, einen tollen Beruf haben, in dem ich aufgehe und erfolgreich bin, eine gute Mutter sein, die in der Erziehung keine Fehler macht, und ich muss besonders viel und guten Sex haben mit einem Mann, der mich für meine Multitasking-Fähigkeit bewundert. Und genau das ist das Dilemma: Nur wenn Frauen all diese überzogenen und widersprüchlichen Anforderungen erfüllen, sind sie nach neoliberalem Denksystem völlig gleichberechtigt. Wenn nicht, sind sie schwach und brauchen eine starke (männliche) Schulter zum Anlehnen und Stützen.

Neoliberale Strukturen treiben eine Kluft zwischen Frauen. Dies gilt auch für die Popkultur, wenn sich Konkurrenz, Macht, Eifersucht ihren Weg bahnen. Doch genau das ist es, was wir nicht wollen. Deshalb würdigen wir Frauen und diskreditieren sie nicht, wir fördern sie und stellen uns nicht übereinander, sondern nebeneinander.

Es gibt nicht „die jungen“ und „die alten“ Feministinnen. Es gibt „uns Frauen.“ Wir wollen eine Anerkennung des ganzen Menschen, nicht aufgrund von Geschlecht oder Hautfarbe. Und deshalb bedeutet Popfeminismus für uns nicht, dass Frauen alles erreicht haben. Popfeminismus ist eine der vielen Ausdrucksformen von Feminismus.

In der vorliegenden Ausgabe der WIR FRAUEN setzen wir uns auch kritisch mit dem Thema Popfeminismus auseinander. Welche subversive Aneignung von popkulturellen Räumen ermöglicht eine Verbindung zwischen Pop und Feminismus? Welche Grenzen zeigen sich bei einer solchen Aneignung?

Hierzu hat Melanie Stitz das Buch „Top Girls“ von Angela McRobbie gelesen und geht der Frage nach, wie sich neoliberale Ideologie in der Populärkultur niederschlägt. Sie kommt zu dem Schluss, dass es wichtig ist, mithilfe feministischer Kultur neue Bilder zu entwerfen, die unser feministisches Begehren nach echter Freiheit, liebevollen, solidarischen Beziehungen zu anderen Frauen und nach Entwürfen jenseits der heterosexuellen Norm ausdrücken.

Außerdem stellt sich das „Muschiballett“ vor, das durch seine Performance mit den Mitteln des Pop Kritik am bestehenden Kapitalismus übt.

Das „Radical Crafting“ wird als Phänomen des Popfeminismus von Elena Bütow unter die Lupe genommen.

Katja Kauer stellt in ihrem Artikel ihr Buch zur Einführung in den Popfeminismus vor.

Elena Bütow und Mareen Heying

 

Inhalt dieser Ausgabe

„Wie gut, dass wir jetzt weiter sind“

Melanie Stitz über die Abwicklung des Feminismus

Radical Crafting

Elena Bütow arbeitet mit der Hand

Muschiballett – D.I.Y. in progress

Komödiantische Entlarvung

Popfeminismus?

Katja Kauer hat Spaß am Feministin-Sein

Sonderartikel als PDF: 40 Jahre Frauenbewegung – Eine Bilanz

Meine feminstische Wahrheit


Dr. Sabine Plonz schreibt einen offenen Brief

Programmdebatte der LINKEN

Feminismus-Update der Grünen

Krieg und Frieden


Karin Leukefeld: Reisen mit Machsom Watch

Florence Hervé: Friedensfrauen in China

Projekte


Wagabanda Bielefeld

Freedom Roads

 

Kultur


Mithu M. Sanyal: Scarlett Thomas

Mareen Heying und Christina Puschak: Abschiednehmen

 

Herstory


Zur Gründung der IDFF vor 30 Jahren

Frauengesprächskreise

Abschied von Erika Schilling

 

Daten und Taten


Gerlinde Kaltenbrunner / Anna Maria Jokl

 

Außerdem

Korinthe: Gute Argumente. Mit Wasserwerfern, schwarzen Eingreifftrupps und Sexismus für Stuttgart 21

Hexenfunk

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