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Herbst 3/2017

Normal?! Darf ich so bleiben, wie ich bin?

Vielfach stößt eine individuelle und emanzipierte Gestaltung unserer Lebens- und Selbstentwürfe an Grenzen. An Grenzen eines Systems, das unser Verhalten in ‚normal‘ und ‚unnormal‘ unterteilt: der Normalismus. Mit diesem Schwerpunkt versuchen wir aufzuzeigen, warum es diese Grenzen gibt, welche Macht von ihnen ausgeht und wie sie sich auf unser Leben, auf unsere Gesellschaft auswirken.
Der Literaturwissenschaftler Jürgen Link versteht unter Normalismus die Gesamtheit aller Wissensbestände, aller Instanzen, Praxen und Institutionen, durch die in modernen Gesellschaften „Normalitäten“ produziert und reproduziert werden. Wie sieht das in der Praxis aus? Der Normalismus kann nur funktionieren, weil massenhaft Daten (zum Beispiel in Bezug auf Sexualität, Gewicht, Gesundheit) gesammelt und ausgewertet werden, um daraus Durchschnitte und Standards zu berechnen. Das Ergebnis stellt sich in Kurven und Statistiken dar, die uns vermitteln, wie sehr wir von der Norm abweichen oder eben nicht.
Etwa ab 1800 hat sich der Normalismus herausgebildet. Zunächst wurde im medizinischen Bereich beschrieben, was als „gesund“ und damit als „normal“ definiert wurde. Während lange Zeit starre Normalitätsgrenzen vorherrschten, dominieren heute meist flexiblere Grenzen. So wurde zum Beispiel Homosexualität im § 175 StGB als „widernatürliche Unzucht“ bezeichnet. Bis 1969 waren sexuelle Handlungen zwischen Männern verboten – nach und nach wurde der Paragraph entschärft und dann 1994(!) abgeschafft.
Heute weisen Normalitätsgrenzen oftmals breitere Toleranzen auf wie normal, noch normal, weniger normal, unnormal. Die Grenzen können sich mit der Zeit verschieben, zum Beispiel aufgrund von öffentlich geführten Debatten oder sich verändernden statistischen Zahlen. So wird inzwischen der Vollzug einer Scheidung als relativ normal eingestuft, vor dem Hintergrund einer statistischen Häufung von 36 %.

Die Funktion von Normalismus in der gegenwärtigen Gesellschaft

Der Normalismus und die durch ihn vermittelten Standards dienen einer Selbstdisziplinierung und Selbstnormalisierung der Gesellschaftsmitglieder, denn: „Das Wissen darüber, was die Anderen tun, beeinflusst unser eigenes Verhalten“, so die Soziologin Anne Waldschmidt. Es löst zunächst eine Denormalisierungsangst aus. „Die in den Massenmedien verbreitet diskutierten Fragen nach dem „normalen Verhalten“ und dem, was als politisch normal anzusehen ist, ist gleichzeitig Ausdruck wie auch Produzent dieser latenten Angst“, erklärt die Diskursanalytikerin Margarete Jäger. Letztlich kommt es häufig zu dem Drang nach Anpassung, auch aus Angst vor sozialen Sanktionen des jeweiligen Umfelds.
Der Normalismus ist eng verwoben mit unserer Mehrheitsgesellschaft und den darin bestehenden Machtverhältnissen. Gegenwärtig dient er insbesondere neoliberalen Zielen. Was als ‚normal‘ gilt, wird deshalb häufig anhand ökonomischer Richtlinien gemessen – so werden Länder zunehmend nach ihrer Wettbewerbsfähigkeit bewertet. Rankings (z. B. Hochschulrankings) dienen der Strategie der Leistungssteigerung des Einzelnen: „Ständig wird uns vor Augen geführt, auf welcher Stufe der Skala wir uns im Vergleich zu anderen gerade befinden“, erklärt Waldschmidt. Mit der Folge, dass die einen alles tun werden, um den Spitzenplatz zu behalten, während die anderen unbedingt auf der Stufenleiter höher klettern wollen. Kurzum: Der Normalismus treibt uns in Konkurrenz und erhöht den inneren Antrieb zur Leistungssteigerung.
Gleichzeitig dient der Normalismus auch immer dem Ab- und damit Ausgrenzen bestimmter sozialer Gruppen: „wir“ und „die Anderen“. Das äußert sich in Interaktionen im Alltag durch rassistische Sprüche und abwertende Blicke, aber auch in Form von institutioneller Diskriminierung. So trägt er zu Entsolidarisierung und Stigmatisierung bei. Dementsprechend dringt der Normalismus in alle Lebens- und Gesellschaftsbereiche – ob Schönheitsstandards mit entsprechend kaufbaren Produkten, ‚Normalgewicht‘ und body-mass-index (BMI), Kaufverhalten, Erwerbsbiographie, Begehren etc.
Im Bereich der Schwangerschaftsvorsorge sind Frauen beispielsweise heute einem Sicherheitsmanagement ausgesetzt. „Mithilfe des klinisch-statistischen Wissens erhalten die Klientinnen der vorgeburtlichen Diagnostik Maßstäbe und Messlatten an die Hand, mit denen sie ihr persönliches Risiko einschätzen können. Verbunden mit dieser Information ist die Anforderung, sich möglichst um Risikovermeidung zu bemühen“, so Waldschmidt. Eine direkte Verpflichtung braucht es nicht mehr. Denn durch die Konfrontation mit den Risiken entsteht automatisch ein massiver innerer Druck, alles zu tun, um eigenverantwortlich das vermeintliche Risiko abzuwenden.
In der Arbeitswelt werden zunehmend Standardisierungen von Arbeitsschritten vorgenommen. Ziel ist, die Effizienz unseres Arbeitslebens zu perfektionieren. In den letzten Jahren passiert dies vermehrt auch für Bereiche der Care-Arbeit. Sämtliche Arbeitsschritte sind zeitlich genau berechnet und getaktet, zum Beispiel das Zähneputzen eines zu pflegenden Menschen. Treten (un)vorhergesehene Probleme auf, bedeutet dies für das Pflegepersonal automatisch Überstunden und langfristig massive (seelische) Belastung.

Besonders vom Normalismus betroffen sind wir durch das System der Heteronormativität. Gemeint ist das Vorherrschen des Heterosexuellen als eine gesellschaftliche Norm, die institutionell und juristisch abgesichert wird und dabei auf der Vorstellung beruht, dass es lediglich zwei Geschlechter gibt. Die Philosophin und Geschlechterforscherin Judith Butler erklärte in einem Interview: „Ich kenne keinen heterosexuellen Menschen, der mit der heterosexuellen Norm gar keine Probleme hat.“ Demgegenüber sind Menschen, die diesem heteronormativen System nicht entsprechen (wollen) – also z. B. in ihrem Verhalten, Aussehen, Körper nicht heterosexuell sind, nicht ‚typisch‘ ‚männlichen‘ oder ‚weiblichen‘ Eigenschaften entsprechen oder sich zu keinem der beiden Geschlechter zugehörig fühlen –, gesellschaftlichen und teilweise rechtlichen Diskriminierungen und Ausgrenzungen ausgesetzt. Besonders beeinträchtigt sind intersexuelle Menschen, die vielfach operativen Eingriffen zur Herstellung eines ‚eindeutigen‘ Geschlechts innerhalb des zweigeschlechtlichen Systems ausgesetzt sind (vergleiche hierzu Friederike Hilger in dieser Ausgabe). Die Heteronormativität wird auch in den vorherrschenden Wünschen an zukünftige Lebensentwürfe junger Menschen deutlich. So zeigte sich bei Befragungen, dass ein geäußerter Kinderwunsch nicht weiter begründet wurde, während der Wunsch nach Kinderlosigkeit mit Rechtfertigungen von Seiten der Befragten einherging.
Margarete Jäger erklärt, dass die in Medien eingesetzten Symbole und Bilder dazu führen, dass Personen bzw. Personengruppen als nicht zugehörig zum Kern der Bevölkerung kodiert werden. Die Trennung zwischen denen, die ‚dazugehören‘, und denen, die ‚nicht dazugehören‘, geht einher mit Bildern und Vorstellungen darüber, wer „wir“ und wer „die Anderen“ sind. In Bezug auf Familien- und Mutterbilder zeichnet sich im aktuellen leitmedialen Diskurs der Trend ab, berufstätige Mütter als ‚normal‘, modern und fit darzustellen, während nicht erwerbstätige Mütter als unmodern, nicht leistungsorientiert, teilweise auch faul dargestellt werden. Die Erwerbstätigkeit von Frauen folgt hier nicht länger frauenrechtlichen, sondern neoliberalen Idealen. Gleichzeitig wird so eine Spaltung und Entsolidarisierung zwischen Müttern mit unterschiedlichen Lebensentwürfen geschürt. Im Einwanderungsdiskurs wird hauptsächlich mit entsubjektivierenden Symbolen gearbeitet, um das „Andere“ als das „Fremde“ zu konstruieren. Flüchtlinge werden beispielsweise nach wie vor in Form von Flutsymbolen dargestellt. Das vermeintlich Fremde wird so als eine latente Bedrohung von Normalität angesehen. „Nicht zuletzt durch den Einsatz solcher Symbole in Medien und Politik konnte eine aufgeheizte Stimmung gegenüber Einwanderer_innen und Flüchtlingen erzeugt werden, die in den 1990er Jahren zu pogromartigen Überfällen auf dieselben führte“, so Jäger.

Normalismus überwinden

Ein erster Schritt, um eine normalistische Gesellschaft zu überwinden, ist die Erkenntnis darüber, dass das, was uns als ‚normal‘ verkauft wird, nichts weiter als ein berechneter Standard ist, in dem auch eine Vielzahl wunderbarer ‚Annormalitäten‘ aufblitzen. Und wir müssen versuchen, den eigenen Normalisierungswünschen auf die Schliche zu kommen:

Was steckt dahinter? Wieso wird das vermeintlich nicht Normale abgewertet? Was sind die Konsequenzen, wenn ich mich nicht-normal, nicht angepasst verhalte, wenn ich nicht funktionieren würde? Und wie müsste die Gesellschaft beschaffen sein, die das trägt?
Denn letztlich ist ja das, „was nicht funktioniert, das, was unser Leben lebenswert und die Menschen liebenswert macht“ (Tove Soiland).
In dieser Ausgabe setzt sich Débora Backes mit dem Klischee der perfekten weiblichen brasilianischen Körper auseinander und beleuchtet die weitreichenden Folgen dieses Stereotyps. Laura Chlebos geht den modernen wie trügerischen Emanzipationsstrategien von Kosmetikindustrie und Medien nach. Die wirtschaftlichen Gründe der steigenden Kaiserschnittraten zeigt Eva Lenn auf. Friederike Hilger bewertet die Norm des Personenstandgesetzes und dessen Reform aus dem letzten Jahr. Dazu liefert Gabriele Bischoff einen Überblick über Staaten, die ein drittes Geschlecht anerkennen bzw. in Reisepässen als Geschlechtseintrag ein X vorsehen.

Isolde Aigner

Inhalt dieser Ausgabe

Brasilianerinnen sind nicht nur Arsch


Von Déborah Backes

Feminismus? kommt nicht in die Tüte!
Von Laura Chlebos

Kaiserschnitt
Von Eva Lenn

Kurzbericht zum AKF-Fachtag „Kaiserschnitt“

Reform des Personenstandgesetzes
Von Friederike Hilger

Übersicht zu Staaten mit 3. Geschlecht
Von Gabriele Bischoff

Meine feministische Wahrheit


Fantasies that matter. Images of sexwork in media and art
Von Laura Chlebos

Krieg und Frieden


Im Nahen Osten: Bericht von Zeitzeuginnen

TTIP: Die unsichtbare Gender-problematik
Kurzinfos

Who cares?! – Kämpfe um Reproduktion


Kurzinfos

Projekte


Pink Sari Revolution

Herstory


1975: Uno-Jahr der Frau
1979: Frauen in die Bundeswehr: Wir sagen nein!
1989: Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes

Kultur


Expressionistinnen
Aufbruch im Männerfussball
Ehrung von Ricarda Huch

Gesehen


Die langen hellen Tage

Daten und Taten


Gertrud Kolmar / Marie Stritt

Außerdem

Hexenfunk
Gelesen
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