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Herbst 3/2017

Nein sagen

Ein halbe Million Schweizer Frauen legte am 14. Juni 1991 die Arbeit nieder. Anlass war das 10-jährige Bestehen des Verfassungsartikels „Gleiche Rechte für Mann und Frau“. Den sahen Schweizer Frauen noch lange nicht in die Tat umgesetzt. Für eine Welt, die in Fürsorge investiert und nicht ins Töten, riefen 2007 internationale Organisationen zum Global Women‘s Strike auf. Die Hausarbeit niederlegen und in Betrieben streiken, nicht einkaufen (Kaufstreik) und nicht höflich lächeln, nicht nett sein, keinen Kaffee kochen und den Männern die Kinder mit zur Arbeit geben … mit diesen und anderen Vorschlägen mobilisierten 1994 Frauen aus den Gewerkschaften, dem Deutschen Frauenrat und unzähligen weiteren Organisationen für einen Frauenstreiktag – gegen den Abbau von Grundrechten und Sozialleistungen, gegen Umweltzerstörung und Krieg, für eine solidarische Gesellschaft, die Rechte von Flüchtlingen und volle politische Teilhabe. Die Liste von Frauenstreiks ist lang und Gründe, sich zu widersetzen, auszusteigen und die Räder still stehen zu lassen, gibt es nach wie vor genug. Keine Frage: Gemeinsam mit anderen ist Nein-Sagen besonders wirkungsvoll. Aber auch für jede Einzelne gibt es Tag für Tag Gelegenheiten, den Konsens aufzukündigen.

Schon 1876 kritisierte Hedwig Dohm die „Männeranbetung“ bürgerlicher Frauen und warf damit als eine der Ersten die Frage auf, inwiefern Frauen nicht nur Opfer sind, sondern auch als Kollaborateurinnen und Komplizinnen dazu beitragen, das Patriarchat am Laufen zu halten. Zahlreiche feministische Theoretikerinnen reflektierten seitdem Anteil und Verantwortung von Frauen. Christina Thürmer-Rohr bezeichnet Frauen als sogenannte Mittäterinnen, wenn sie „sich dem Mann hinzuaddieren als das untergeordnete Geschlecht; wenn Frauen das männliche Individuum stützen und abschirmen, indem sie ihre Ressorts – speziell die des Hauses, des ‚sozialen Gedankens‘ und der Menschlichkeit – so strukturieren, dass der Mann für seine Taten freigesetzt wird.“ In diesem Sinne fordert auch Frigga Haug immer wieder alle Geschlechter dazu auf, sich für alle Lebensbereiche als gleichermaßen zuständig zu begreifen und Verantwortung zu übernehmen: für Politik, Ökonomie und Kultur, für Sorge- und für Lohnarbeit. Es gilt, Werte wie die Sorge füreinander aus der vermeintlich „weiblichen Sphäre“ endlich hinauszutragen in die Welt.

Diesen Schwerpunkt widmen wir allen, die aufbegehren und sich wehren, die sich einmischen und tätig werden. Etta Hallenga gibt Tipps und macht Mut, sich gegen Grapscher und andere Feiglinge zur Wehr zu setzen. Florence Hervé erinnert an Adélaïde Hautval, einer nach Auschwitz deportierten Ärztin, die sich weigerte, bei medizinischen Experimenten an Menschen zu assistieren. Gegen das Geschäft mit dem Wasser formiert sich weltweit Widerstand. Im März kamen in Istanbul Wasseraktivist_innen zusammen und diskutierten ihre Positionen – Monika Schierenberg war dabei und berichtet. Isolde Aigner interviewt einen Mann, der dem traditionellen Männerbild partout nicht genügen will. Damit gehört er wohl zu den sogenannten „modernen“ Männern. Die stellen laut einer Studie, die Rainer Volz und Paul Zulehner Anfang des Jahres veröffentlichten, unter ihren Geschlechtsgenossen etwa 19 %. Volz und Zulehner hatten 1.470 Männer und 970 Frauen nach ihren Einstellungen und ihrem Verhalten befragt. Jana Frielinghaus fasste die erschreckenden Ergebnisse zusammen (jungeWelt, 20. März 2009): Noch immer sind etwa 27 % der befragten Männer als „traditionell“ zu bezeichnen. Sie empfinden es z. B. als „Zumutung“, ob der Kinder zuhause zu bleiben. 58 % der „Traditionalisten“ stimmten Sätzen zu wie „Manchmal muss man Kinder schlagen, damit sie zur Vernunft kommen“ oder „Wenn eine Frau vergewaltigt wird, hat sie im Zweifelsfalle den Mann provoziert“. Fast genauso viele (50 % der „Traditionalisten“) halten die „weiße Rasse“ für anderen überlegen.

Aus der Rolle fallen braucht Mut. Nicht minder mutig sind all jene, die trotz aller Sorgen um den Arbeitsplatz Missstände und Rechtsbrüche öffentlich machen, die sich weigern, Pflegebedürftige ans Bett zu fesseln, vergammeltes Fleisch als frisch zu verkaufen und die trotz aller Schikanen und Drohungen auf Arbeitnehmer_innenrechten beharren. Gabriele Bischoff stellt „Whistleblower“ vor: Arbeitnehmer_innen, die ihren kriminellen Arbeitgeber_innen zu Recht die Loyalität aufkündigen.

Melanie Stitz und Gabriele Bischoff

 

Inhalt dieser Ausgabe

Lästiges Anmachen in Bahn und Bus

Tipps zum Handeln

Adélaïde Hautval: Medizin gegen die Menschlichkeit

Florence Hervé stellt eine Verweigerin vor

Internationales Weltwasserforum

Monika Schierenberg war beim Widerstand

Verweigerung von männlichen Rollenbildern

Isolde Aigner im Gespräch mit Benjamin Punke

Whistleblowing

Gabriele Bischoff berichtet über Zivilcourage

Milchbäuerinnen im Hungerstreik

 

Krieg und Frieden


Solidarität mit Equality Project Südafrika

Namibia – im 20. Jahr der Unabhängigkeit

Nachrichten aus Kurdistand

Projekte


LAG Lesben in NRW: Augspurg-Heymann-Preis

Kultur


Renate Wurms – ein Nachruf

Kommentar


Bloggerinnen-Szene im Internet

Pornographiekongress in Amsterdam

Mogelpackung – Eine für alle

Green Ladies‘ Lunch

 

Herstory


60 Jahre Lebensleistungen in zwei deutschen Staaten

 

Gesehen


Nur ein Sommer / Der rote Punkt

Nachlese Frauenfilmfestival

 

Daten und Taten


Ingeborg Küster / Wanda Alexandra Landowska

 

Außerdem

Korinthe: Miss-Vergnügen

Hexenfunk

gelesen