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Sommer 2/2017

Mahlzeit!

Das Mahl steht nicht einfach für Ernährung, es steht vielmehr für ein genussvolles Essen in schöner Umgebung, zusammen mit Menschen, mit denen man gerne Zeit verbringt. Auch die Zugabe ausgewählter Zutaten bei der Vorbereitung des Mahls (ökologisch, fair, nachhaltig, saisonal) kann dabei im Vordergrund stehen.

Die andere Bedeutung: Zeit wird ein immer wertvolleres Gut in einer Gegenwart, die gekennzeichnet ist von Stress und Arbeitsdruck. Die Zeit, das ist die Bedingung für ein Mahl. Zeit für das Mahl heißt auch Zeit für Genuss, für Mitmenschen, für das Gespräch, für die Zubereitung. Die Mahlzeit wird so zu einem wichtigen Teil unseres Lebens und steht für Innehalten, Entspannen und Austausch.

Doch welche gesellschaftliche Bedeutung erfährt die Mahlzeit für uns und für andere, auf nationaler und internationaler Ebene, für die Konsument_innen und Produzent_innen, für die, die kochen, und für die, die essen?

Offenbart sich in der „Mahlzeit“ ein Spiegel gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, ökologischer und politischer, auch geschlechtsspezifischer Lebensbedingungen?

Wie integrieren wir die Mahlzeit in unseren Alltag?

Für uns als Konsument_innen heißt es: Du bist, was du isst. Betrachten wir den Umgang mit Ernährung, so müsste es eigentlich heißen: Du isst, was du bist.

In der kapitalistischen Gesellschaft dominieren vor allem Stress und Zeit- wie Leistungsdruck. Die Folge: Unsere Lebensbereiche werden einem Management unterworfen. Freizeitmanagement, Beziehungsmanagement – und auch das Essen wird Teil einer Managementstrategie: Zum einen soll Nahrung schnell zur Stelle sein, wenn wir von einem Termin zum anderen hetzen. Antworten darauf sind die steigende Auswahl an Convinience-Produkten, Nahrung, die vorgefertigt ist und nur noch aufgewärmt werden muss, sowie Imbisse und Schnellrestaurants.

Zum Ausgleich gibt es dann das sogenannte Funktional Food: Der Joghurt zur besseren Verdauung von „schwerem“ Essen, das Wasser mit Sauerstoff zur besseren Konzentration, der Drink zur Stärkung der Abwehrkräfte. Der Verein „foodwatch“ stellt dagegen fest, dass viele dieser Produkte ihre vermarkteten Funktionen nicht erfüllen.

Das Paradox wird deutlich: Durch Stress ernähren wir uns schlecht, um uns dann wieder „funktional“ gut zu ernähren.

Hier kommen wieder das Mahl und die Zeit ins Spiel. Was müssen wir tun, um diese Mahlzeit zu verwirklichen? Eine Veränderung der Arbeits- und Lebensbedingungen? Beispielsweise durch den Ausbau von kostenfreien Kitas?

Oder müssen wir das Ganze andersherum betrachten? Die gemeinsame Mahlzeit als Entstehungsort politischen Bewusstseins und kritischer Auseinandersetzung mit Leben und Lebensweisen in einer kapitalistischen Gesellschaft? Kultureinrichtungen bieten das politische Frühstück als Ort der kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen an.

Mahlzeit steht auch symbolisch für die Versorgung.

Wir sprechen vom „Ernährer der Familie“. Paradoxerweise ist damit immer der „Finanzier“ gemeint, nicht der, der im eigentlichen Sinne kocht, füttert oder stillt. Ein Zeichen dafür, dass familiäre Ernährung in ihrer eigentlichen Form nach wie vor ein „blinder Fleck“ ist. Dieser blinde Fleck ist bis heute – trotz der Gleichstellungspostulate – hauptsächlich „Frauensache“. Unabhängig davon, ob Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen oder nicht, sind es nach wie vor sie, die die Sorgearbeit zusätzlich übernehmen. Aktuell zeichnet sich hier jedoch ein Trend ab. Neue Forschungen zeigen, dass in Deutschland bereits in jedem 5. Mehrpersonenhaushalt Frauen die Haupteinkommensbezieherinnen und damit die Haupternährerinnen der Familie sind. Etwa die Hälfte von ihnen ist alleinerziehend. Bei der anderen Hälfte handelt es sich um Frauen, deren Partner nicht erwerbstätig ist oder deutlich weniger verdient.

Die Mahlzeit hat auch eine Vorgeschichte: die Produktion der Nahrungsmittel. Auch wenn gegenwärtig das Bewusstsein für saisonale und regionale Produkte zunimmt, macht die Vielfalt in den Supermärkten deutlich, dass viele Produkte aus aller Welt kommen.

Exotisch und frisch und oft unter menschenunwürdigen Produktionsbedingungen geerntet. Gleichstellungsprogramme zur Wirtschaftsförderung von Frauen können die Situation oft nicht aufbrechen. Die ökonomische Perspektive kann den Zusammenhang von Armut, Geschlecht und gesellschaftlicher Partizipation kaum erfassen.

WIR FRAUEN widmet sich in dieser Ausgabe den vielen Facetten der „Mahlzeit“ und setzt diese in politische, ökonomische und ökologische Zusammenhänge:

Die Mahlzeit als Ort der interkulturellen Begegnung und Kommunikation. Das beschreibt Elena Bütow anhand eines Bremer Projekts, in dem interkulturelle Frauenkochgruppen gemeinsam ein Kochbuch entwickelten.

Auf internationaler Ebene werden Ernährungsfragen zu Überlebensfragen. So greift Sonja Vieten die katastrophale Zahl der Hungernden weltweit auf und analysiert diese Entwicklung. Darüber hinaus stellt sie Projekte vor, die das Menschenrecht auf Nahrung nachhaltig verankern wollen.

Welche Anforderungen stellen sich, wenn Nachhaltigkeit unter geschlechtsspezifischen Aspekten betrachtet und analysiert wird? Genanet stellt dar, welche entscheidende, teils unsichtbare Rolle Frauen in Landwirtschaft, Ernährungsfragen und im ökologischen Bewusstsein haben. Sie fordert eine größere Gestaltungsmacht für Frauen und eine breit angelegte Reflexion von Nachhaltigkeit – in Wissenschaft und Ernährungsaufklärung.

Wie funktioniert „nachhaltig ernähren“ oder besser: Funktioniert das überhaupt? Darauf gibt Ute Scheub in „Gnade für Sünder“ – ihrem persönlichen Selbstversuch – entlarvende Antworten.

Vegetarismus als politisches und umweltbewusstes Statement? Dieser Frage geht Lena Bökenhans in ihrem Artikel nach.

Mahlzeit – dahinter steckt immer das Thema „Versorgung“. Hierzu stellt Isolde Aigner die feministische Zeitschrift ‚Olympe‘ und deren Ausgabe zu Chancen und Herausforderungen der „Care-Ökonomie“ vor.

Isolde Aigner

 

Inhalt dieser Ausgabe

Landwirtschaft und Ernährung

Positionspapier von genanet

Vegetarismus

Lena Bökenhans klärt auf

Die Nahrung des Menschen ist unantastbar

Sonja Vieten berichtet vom Menschenrecht auf Nahrung

Gnade für die Klimakiller

Ute Scheub führte Tagebuch

Bremer Kochbuch

Elena Bütwo ist begeistert

„Yes, we care“

Isolde Aigner beschreibt Herausforderungen

Meine feminstische Wahrheit


Opferpolitik oder Freiheit

 

Krieg und Frieden


Begegnungen in den Anden

Nähkooperative Eritrea

Frauenpolitischer Ratschlag und Weltfrauenkonferenz 2011

Kultur


Kämpferin mit Worten: May Ayim

Besprochen: Miriam’s Song, jüdische Komponistinnen / Hörstück über Helene Stöcker / Gerda Taro – Ausstellung in Stuttgart

 

Herstory


Frauen in der Emigration

Ein Tagungsbericht

100 Jahre 8. März

Gesehen


Disney’s „Küss den Frosch“

Mein Herz sieht die Welt schwarz

Pandora’s Box

Frauenfilmfestival 2010

Daten und Taten


Selma Gürbüz / Louise Michel

 

Außerdem

Korinthe: „Ruhr Weiber“ ohne sichtbare Lesben

Hexenfunk

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