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Herbst 3/2017

Frauen grenzenlos

Sie kamen aus Japan, Zypern, Frankreich, Island und dem irakischen Kurdistan, aus Kuba, El Salvador, Dschibuti und Angola. Rund 350 Frauen tagten im Unesco-Palast in Beirut. Sie vertraten 65 Organisationen der Internationalen Demokratischen Frauenföderation aus 44 Ländern, mehrheitlich aus der arabischen Welt.

Zwanzig Jahre nach dem Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila, am 29. November 2002, begann der Kongress mit einem symbolischen „Tribunal gegen den Kriegsverbrecher Ariel Scharon“.Er endete am 1. Dezember, dem 57. Jahrestag der Gründung der IDFF in Paris. So sollte die Solidarität mit den palästinensischen Frauen und mit den Frauen aus Konfliktregionen betont werden.

Der Kongress zog eine Bilanz der letzten zehn Jahre. Sie fiel positiv aus,was die Errungenschaften der Frauen (Gleichstellung in Politik und Gesellschaft),die zunehmende Bewusstwerdung und das Wachsen der feministischen Bewegung betrifft. Die Weltfrauenkonferenz von Peking 1995 und der Weltfrauenmarsch 2000 waren Ausdruck dieser Entwicklung. Die IDFF, die einen Sonderstatus bei der UNO hat, erreichte beispielsweise, dass Massenvergewaltigungen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt wurden. Stand die IDFF 1990 noch kurz vor dem Ende, so gelang ihr 1994 die Erneuerung. 1998 wandte sie sich stärker den Problemen der Gewalt gegen Frauen zu. Heute sind rund 600 Organisationen aus 106 Ländern Mitglied der IDFF.

In Beirut standen diesmal Frauenaktionen für einen gerechten Frieden, für gleiche Rechte und gegen die neoliberale Globalisierung sowie die weitere Entwicklung der IDFF zur Debatte. Dabei war die unmittelbare Kriegsdrohung gegen Irak in den Köpfen ständig präsent. Die Schwedin Marianne Eriksson, Mitglied des EU-Parlaments und stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für die Rechte der Frau und Chancengleichheit,erklärte am Beispiel der Aktionen irischer Frauen in Belfast,dass ein Friedensprozess machbar ist,und erinnerte an die Empfehlung von Kofi Annan,an Friedensmissionen sollten 50 % Frauen beteiligt sein.Japanische Frauen sprachen von ihrem Kampf um die Verteidigung des Artikels 9 der Verfassung, der den Krieg und den Besitz von Kriegspotential (z. B.Waffen und Armeen) ablehnt. Und isländische Delegierte wiesen darauf hin, dass ihr Land keine Armee und daher mehr Gelder für Soziales habe.

In fünf Arbeitsgruppen wurde über den Kampf der Frauen gegen die neoliberale Globalisierung diskutiert, über den Widerstand der Frauen gegen Gewalt,über die Gleichstellung von Frauen in Arbeit, Gesellschaft, Bildung, Gesundheit und Politik, über das Recht der Völker auf einen gerechten Frieden, auf Widerstand und auf nationale Unabhängigkeit sowie über die Solidarität von Frauen gegen den Aufstieg von Fundamentalismus und Rechtsextremismus. Der Wille der Frauen, sich stärker einzumischen, kam in den Forderungen der Delegierten nach der Bildung internationaler Netzwerke zum Ausdruck: für den Kampf gegen Fundamentalismus und Rechtsextremismus, gegen Gewalt gegen Frauen,und für den Kampf um Frieden.Die IDFF, wurde verlangt, solle den 25.November als Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen für wirksame Aktionen nutzen und den Zusammenhang zwischen Rassismus und Sexismus am 21. März, dem Internationalen Tag gegen Rassismus, deutlich machen.

Manche Vorschläge wurden kontrovers diskutiert,so der von norwegischen Frauen für April 2003 geplante Menschenrechtsmarsch in Israel und Palästina.Zustimmung fanden Initiativen zur Vorbereitung einer IDFF-Frauenfriedenskonferenz und zu Solidaritätsaktionen mit den palästinensischen Frauen und mit der seit 1994 inhaftierten kurdischen Ex-Abgeordneten Leyla Zana. Der Kongress forderte u.a.die Ratifizierung und die Anwendung der UN-Konvention von Kopenhagen über die Aufhebung aller Formen der Diskriminierung von Frauen bis zur Beendigung der Dekade 2005. Es waren Dutzende von ergreifenden Zeitzeugnissen,Dutzende von Vorschlägen, welche die Vielfalt der IDFF widerspiegelten. Es waren bewegende Begegnungen zwischen Frauen, die sich nach Jahren im Gefängnis wieder trafen, zwischen Frauen aus Nord und Süd und es gab viel Fröhlichkeit zwischen den Sitzungen. Doch der Kongress tanzte nicht.Zu schwer waren die Probleme,weltweit und innerhalb der IDFF selbst.

Einmütigkeit herrschte in der Einschätzung der gefährlichen Entwicklung der neoliberalen Globalisierung, in der Verurteilung der kriegerischen Bush-Politik und der Verbrechen von Scharon. Auf Kritik stießen die schwerfälligen, auf alte Modelle zurückgreifenden Strukturen mit vier Vizepräsidentinnen (Mayada Abbassi, Palästina, Ruth Neto,Angola,Vilma Espin,Kuba,Cristina Demetriadou,Zypern)**.Manche fanden auch das Schweigen der neu gewählten Vorsitzenden Marcia Campos (Brasilien) bezüglich der Diktatur Saddam Husseins befremdend. Die Vertreterin der Vereinigung der demokratischen Frauen Algeriens, Meriem Derkaoui, erklärte: „Durch ihr Schweigen hat Marcia Campos eine respektlose und geringschätzende Haltung gegenüber den Delegierten gezeigt.“ Kurdische Frauen erinnerten an den Einsatz von chemischen Waffen gegen die kurdische Bevölkerung in Nordirak 1988.

Die scheidende Vorsitzende Sylvie Jan brachte Befürchtungen zum Ausdruck,dass es angesichts der Militarisierung der kapitalistischen Globalisierung für die mit vielen Konflikten und mit Armut konfrontierten Frauen schwieriger werde, ihre Frauenrechte und ihre Freiheit einzufordern. „Ich befürchte sogar, dass sie sich dies selber in ihren Kämpfen verbieten und dass diese Frage bei fortschrittlichen Kräften wieder zweitrangig wird. Herrschafts- und Konfliktsituationen können aber gerade zunehmen, wenn Frauen in der Gesellschaft nicht genügend anerkannt werden.Wären Frauen in den Friedensverhandlungen stärker vertreten,würde es mit dem Frieden schneller gehen.“

fh

 

Inhalt dieser Ausgabe Gesamte Ausgabe downloaden

 

Solidarität mit den palästinensischen Frauen

Florence Hervé

 

Eine Frau klagt das Militär an

Aicha Dabalé aus Dschibuti

fh

 

„Die Befreiung eines Landes beginnt mit der Befreiung der Frau“

Ein Gespräch mit Meriem Derkaoui (Algerien)

Interview: Florence Hervé

 

Von Schuhputzern, Vogelhändlern und anderem

Ein Streifzug durch Bagdad

Karin Leukefeld

 

Nigeria

Doris Heeger

 

Nachhaltig beeindruckt?

Frauenaktivitäten rund um den Weltgipfel in Johannesburg

 

Welcome to Libanon

Melanie Stitz

 

„femme totale“

Frauenfilmfestival Dortmund

 

Zurück in die Abhängigkeit des 19. Jahrhunderts

 

Frauen zur See

Christine Keitsch

 

Er ist so natürlich

Die Liebe in Zeiten des Exotismus

Mithu M. Sanyal

 

Kultur

Verfolgte Dichterinnen: Else Lasker-Schüler, Gertrud Kolmar, Nelly Sachs

Margret Karsch

 

Herstory

Victoria Woodhull

Antje Schrupp

 

Daten und Taten

Elisabeth Mann Borgese und Flora Tristan

Mechthilde Vahsen, fh

 

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