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Frühjahr 1/2017

Feminismus und Neoliberalismus

Der Anspruch der Wir Frauen ist es, Frauen in aktuellen Debatten und im Umgang mit gesellschaftlichen Widersprüchen zu stärken. Das tun wir vor allem auch mit den jeweiligen Schwerpunkten, die stets einen Dossier-Charakter haben und viele verschiedene Aspekte eines Themas aufzeigen, es somit also fundieren und ausdifferenzieren.

Die Redaktion ist der Ansicht, dass Fragen wie Ungleichheit bzw. Gleichheit, ökonomische und/oder ökologische Krisen, Obdachlosigkeit usw. stets auch Fragen sind, die Frauen interessieren, betreffen und angehen, zum Teil als „Opfer“, zum Teil auch als Profiteurinnen.

„Wir können es uns nicht länger leisten, die Hälfte unserer Talente zu ignorieren“. Dieses Statement gab Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen auf einer Tagung des Vereins TOTAL E-QUALITY Deutschland e. V. mit dem Schwerpunkt der Förderung von Frauen in Führungspositionen. Das gleichberechtigte Recht auf berufliche Teilhabe wird hier nicht menschenrechtlich, sondern ökonomisch begründet und richtet sich in sehr restriktiver Weise nur an Frauen mit entsprechender hoher Qualifikation. Professorin Elisabeth Klaus spricht in diesem Kontext vom „Elitefeminismus“ mit Fokus auf Frauen in Führungspositionen, der meist ohne Analyse und Kritik an patriarchalischen gesellschaftlichen Strukturen auskommt und sich häufig nicht in die Tradition von feministischen Frauenbewegungen undGender Studies stellt. Dieser Elitefeminismus setzt Selbstbestimmung mit einem Karriereentwurf gleich, der Fragen nach Verteilung von Haus- und Familienarbeit ausblendet.

Wie das im Extremfall aussehen kann, wird in dem Buch „Der Geist des Kapitalismus“ deutlich. Luc Boltanski und Eve Chiapello Boltanski beschreiben hier die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes in Form des Arbeitsmarktmodells der „projektbasierten Polis“ (1999: 137): Die Arbeitsplatzsicherung wird nicht über einen Arbeitsvertrag, sondern über die Aneinanderreihung verschiedener Projekte gewährleistet.

Innerhalb dieser Projekte entsteht eine vernetzte Welt, in welcher ein breites Spektrum an Kontakten aufgebaut werden kann. Diese Kontakte sichern und erweitern das sogenannte Einstellungskapital, das heißt: Umso mehr man sein Spektrum an Kontakten erweitert, desto höher wird die Chance der Teilnahme an weiteren Projekten.

Dabei entwickeln sich zwei unterschiedliche Wertigkeitsträger heraus: Hohe Wertigkeitsträger sind MitarbeiterInnen, die in der Lage sind, ihre Kontakte zu erweitern, vor allem auf geographischer Ebene. Niedrige Wertigkeitsträger hingegen pflegen die Kontakte vor Ort.

Boltanski/Chiapello beschreiben, wie die Funktion der niedrigen Wertigkeitsträger mit einer Stagnation einhergeht; es kommt zu einer Klassifizierung beider Gruppen. Das Bild des hohen Wertigkeitsträgers geht einher mit dem Bild des Managers innerhalb der projektbasierten Polis. Dieser repräsentiert Eigenschaften wie eine äußerst hohe Flexibilität auf geographischer und zeitlicher Ebene, ein hohes Selbstbewusstsein, Abenteuerlust und kommunikative Fähigkeiten (vgl. ebd.: 118ff).

Das Brisante an dem Modell der „projektbasierten Polis“ – die sich vor allem auf unternehmerische Tätigkeiten bezieht – ist, dass berufliche Verwirklichung (hoher Wertigkeitsträger) die Abkopplung von Reproduktionsaufgaben voraussetzt. Die projektbasierte Polissteht damit diametral zu Fragen um Vereinbarkeit. Wer in diesem Modell gleichzeitig Haus- und Familienaufgaben wahrnimmt, kann dies nur in der Rolle des „niedrigen Wertigkeitsträgers“.

In ihrem 2009 veröffentlichten „Feminism, Capitalism and the cunning of history“ (Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte) bezieht sich Nancy Fraser auf diesen neuen Geist des Kapitalismus und wie dieser sich den Feminismus zu eigen gemacht hat: Die kulturellen Veränderungen, die die Neue Frauenbewegung in Gang setzen konnte, dienten zugleich der Legitimation eines strukturellen Umbaus der kapitalistischen Gesellschaft, welcher feministischen Visionen einer gerechten Gesellschaft diametral zuwiderläuft.

Gleichzeitig gibt es weiterhin kaum bis gar keine Anerkennung der sogenannten Care-Arbeit. Die Historikerin Tove Soiland begründet dies damit, dass im Care-Sektor die Beziehungen der Menschen im Vordergrund stehen: „Diese Arbeiten können nicht einfach mit technischen Innovationen produktiver gemacht werden. Darum sind sie für den Kapitalismus nicht besonders interessant – es sei denn, man drückt fest auf die Löhne.“

Soiland plädiert für die gleiche Anerkennung und Bezahlung dieser Care-Arbeit wie in anderen Dienstleistungsbereichen, zum Beispiel im IT-Bereich. Gleichzeitig fordert sie eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 30 Stunden, dann „hätten Frauen und Männer mehr Zeit, sich um Angehörige und Hausarbeit zu kümmern. Das würde den Lebensstandard erhöhen“.

In ihrem kürzlich erschienenen Pamphlet „Fleischmarkt“ (siehe WF 2.2012) beschreibt die 25-jährige britische Bloggerin Laurie Penny, wie der Kapitalismus „mit allen seinen Seiten und Strukturen als Fesseln in einem Überbau von Unterdrückung“ eine Art Kontrolle über den weiblichen Körper ausübt: „Überall, in jedem Bereich des Lebens von Frauen, sind körperliche Kontrolle und Selbstdisziplin ein steriles zur Schau stellen von Sexualität, die Parole einer neuen Geschlechterkonformität, die uns direkt ins Fleisch gebrannt wird.“ Dabei ist „Weiblichkeit zur Marke geworden, die zurückgekauft werden kann“.

Penny weist darauf hin, dass fast 80 Prozent aller verkauften Produkte und Dienstleistungen weltweit von Frauen gekauft werden, somit sind sie der „lebenswichtige Motor für den Konsum, der nötig ist. um die neoliberalen Produktionsverhältnisse zu erhalten.“ Deshalb glaubt Laurie Penny: „Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körper wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.“

In ihrer Publikation „Die Zukunft, die wir wollen – eine feministische Perspektive“ (erschienen bei der Heinrich-Böll-Stiftung) macht Christa Wichterich deutlich, welche Schlüsselrolle Frauen für Umweltschutz und Armutsbekämpfung haben, wendet sich aber gegen Maßnahmen, die Geschlechtergleichheit ausschließlich an „Marktchancen“ orientieren. So kritisiert sie den Jahresbericht der Food and Agriculture Organisation (AFO) der Vereinten Nationen, der hauptsächlich Ertragssteigerung forciert.

Dabei steht nicht die Würdigung der Arbeit und des indigenen Wissens der Frauen (zum Beispiel in Form von Subventionen) im Fokus, sondern ein Vorantreiben der Integration in unternehmerische Arbeitsfelder wie zum Beispiel im Agrar-Anbau. Die Frauen, die vorher mit ihrem indigenen Wissen die Bodenfruchtbarkeit erhalten konnten, werden nun an agrar-industrielle Produkte herangeführt.

Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Hybrid-Samen, der nach mehreren Anbauten nachgekauft werden muss und so eine Marktabhängigkeit mit sich führt. Es kommt zu einem Empowerment der Frauen zum Homo oeconomicus. Wichterich plädiert stattdessen für eine Orientierung an dem sogenannten Livelihood-Konzept als Gegenkonzept zum Effizienz-Ansatz der Weltbank. Es setzt beim Lokalen und bei der täglichen Überlebenssicherung in der unmittelbaren natürlichen und sozialen Umwelt an. Elemente des Livelihood-Ansatzes sind unter anderem die Selbst- und Mitbestimmung lokaler Gemeinschaften. Diese Dezentralisierung orientiert sich an den lokalen und regionalen Bedingungen, an kollektiven Rechten auf den Zugang zu Ressourcen und deren Nutzung, an Nachbarschafts- und solidarischen Ökonomien sowie am Einbezug von indigenem, durch Erfahrung erzeugtem Wissen.

Im Dezember 2010 beschloss der Deutsche Bundestag, eine Enquete-Kommission einzurichten, die „den Stellenwert von Wachstum in Wirtschaft und Gesellschaft ermitteln, einen ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator entwickeln und die Möglichkeiten und Grenzen der Entkopplung von Wachstum, Ressourcenverbrauch und technischem Fortschritt ausloten“ sollte. Die Kommission besteht aus 34 Mitgliedern – 17 Abgeordnete des Deutschen Bundestages und 17 Sachverständige mit Fachkenntnissen aus dem jeweiligen Fachgebiet, die nicht dem Bundestag angehören. Während in der ersten Gruppe acht Frauen vertreten sind – darunter drei Obfrauen und die Vorsitzende –, besteht die letztere Gruppe zu 100 % aus Männern. Wir dokumentieren die Kurzfassung des alternative Gutachtens zur Enquete-Kommission von Adelheid Biesecker, Christa Wichterich und Uta von Winterfeld.

Eine Veranstaltung von agisra e. V., der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW und des Kölner Domforums stellte die aktuelle Situation in Deutschland zu Zwangsarbeit, Menschenhandel, Arbeitsausbeutung und neuem Sklaventum vor, Melanie Stitz fasst die Diskussionspunkte zusammen.

Anna Schiff beschreibt die genderbezogenen Marketingstrategien auf dem Spiel- und Süßigkeitenmarkt und und skizziert die Diskussion darüber.

Isolde Aigner

 

Inhalt dieser Ausgabe

Feministische Perspektiven zu Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität

Ein Hintergrundpapier

Ausbeutung ist ein hässliches Wort

Melanie Stitz über eine Tagung zum neuen Sklaventum

Gender For Sale

Anna Schiff stellt Strategien des Gendermarketings vor

Weitere Infos zum Schwerpunkt

 

Meine feminstische Wahrheit


Yousuf: Wie ich in Deutschland Feministin wurde

Das Projekt „Brave“ vom Journalistinnenbund

 

Krieg und Frieden


Männerkongress und Grüner Geschlechtergipfel

Clean Clothes Campaign

Flüchtlingsproteste

Karin Leukefeld berichtet aus Syrien

 

Projekte


TuBF Bonn: 30 Jahre Therapie und Beratung für Frauen

Herstory


Baseler Friedenskongress vor 100 Jahren

 

Kultur


Haus der Frauengeschichte in Bonn

Nachruf auf Chavela Vargas

 

Gesehen


Tanz: Der politisierte Körper

 

Daten und Taten


Marina Zwetajewa / Elke Heidenreich

 

Außerdem

Hexenfunk

Gelesen

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